Where is the entertainment?

Die Macher_innen des surrealen Adventures “Kentucky Route Zero” haben ein ungewöhnliches Projekt veröffentlicht. Es handelt sich um die Umsetzung zweier kurzer, parallel aufgeführter Theaterstücke: “A Reckoning” und “A Bar Fly”. Gemeinsam werden sie zu “The Entertainment”.

Eine schummerige Bar, irgendwo in Kentucky. Am Tresen sitzt Evelyn und beginnt mit Barkeeper Harry zu plaudern. Bier ist aus, heute gibt es nur Whiskey. Sie reden über das Fernsehprogramm, über Harrys Uraub. Der harmlose Smalltalk wird belauscht von einem weiteren Gast, der “Bar Fly”. Wir beobachten die Szenen durch die Augen dieser Bar Fly. Die Stimmen von Evelyn und Harry sind nur als ein entferntes Murmeln zu hören, sie gehen im Lärm des angrenzenden Highways unter, so wie ihre Silhouetten im schummerigen Licht der Kneipe verschwimmen.

Langsam entfaltet sich das Drehbuch, huschen die Dialogzeilen als Sprechblasen vorbei. Anfänglich tauschen Evelyn und Harry Banalitäten aus, Allgemeinplätze, geben wenig über sich preis. Es ist kein sonderlich interessantes Gespräch, aber der Abend wird später und die Gläser leeren sich. Gesprächsfäden werden begonnen, liegen gelassen, gekreuzt und verbunden, bis sich langsam Details über die Leben von Harry, Evelyn und den anderen Bargästen erahnen lassen. Wie in Zeitlupe beginnen ihre Leben aufeinanderzuprallen, mit der Zeit brechen die Fassaden ein und eskalieren die Konflikte.

Konflikte, die die Figuren nur zum Teil miteinander austragen – vor allem sind es Konflikte mit sich selbst. Hadern mit dem Leben, mit Ungewissheit, Hoffnung und Enttäuschung, Einsamkeit und mit den kleinen Lügen, die den Schein von Normalität aufrecht erhalten sollen. Als das Stück plötzlich und unvermittelt endet, bleibt vieles offen. Wir können uns aus den Puzzleteilen ein Bild zusammensetzen, aber es würde immer unvollständig bleiben, nie mehr als ein winziger Ausschnitt sein.

“The Entertainment” wirft Fragen auf, ohne sie konkret zu stellen. Es lässt ähnlich verwirrt zurück, wie “Kentucky Route Zero”. Aber es ist eine wundervolle, faszinierende Verwirrung. Eine Verwirrung wie in einem Film von David Lynch. Das was uns unklar bleibt, wird uns nicht etwa vorenthalten, denn diese Puzzleteile müssen fehlen. Es ist ein Rätsel, dessen Antwort zum Teil vom Erlebten vorgegeben ist, zum Teil aus der Interpretation jeder und jedes Beobachtenden selbst kommt.

Fragen entstehen nicht nur durch den Inhalt, sondern auch über die Präsentationsform. Wer sind die Zuschauenden und wer sind die Handelnden in einem Videospiel? Ähnlich wie bei “Gone Home” entwickelt sich die Geschichte nur durch den aktiven Voyeurismus der Spielenden, durch das Eindringen in die Privatsphäre Anderer. Die Bar Fly belauscht die anderen Gäste und erhascht dadurch einen Blick in ihre Leben. Allerdings hat die Bar Fly keine Wahl, die Spielmechanik zwingt sie dazu das Gespräch zu belauschen. Das Spiel zwingt mich dazu, denn ich bin die Bar Fly.

Ich entdecke die Geschichte nicht selbst, ich interagiere nicht, ich bin passiver Zuschauer. Ist “The Entertainment” dann überhaupt ein Spiel? Es gibt immerhin die Schaltfläche “back to the game”, um eine Pause zu beenden. Wie definiert sich “Spiel”? Ist “The Entertainment” eher eine digitale Installation? Oder vielleicht eine visualisierte Geschichte? Was ist Interaktivität? Und auch: was ist Langeweile und was ist Unterhaltung? Die Gäste der Bar warten auf das Unterhaltungsprogramm. Reicht das schon, um mich zu fesseln, oder warte ich unterbewusst noch auf etwas anderes – hat mich “The Entertainment” überhaupt unterhalten?

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Schaue ich auf den Tisch vor mir, werden Regieanweisungen für die Bar Fly eingeblendet. Blick nach Links, Blick nach Rechts. Ich ertappte mich dabei, so sehr auf Missionsziele konditioniert zu sein, dass ich den eingeblendeten Anweisungen Folge leiste, obwohl sie keinen Sinn zu machen scheinen. Es sind pantomimische Bewegungen, Schauspiel. Selbstverständlich lösen die Blicke nach Links und nach Rechts nichts aus, kein belohnendes Ereignis wird abgespielt. Es sind nur die Anweisungen meiner Rolle, so wie sie im Drehbuch stehen. Sie werden selbstverständlich von mir erwartet, dafür gibt es keine Belohnung.

“Look for the exit.” Die Tür auf der rechten Seite der Bar lehnt an einer Wand. Ich drehe mich um. In der Dunkelheit hinter mir zeichnen sich nach einem Moment langsam klarere Linien ab. Es sind keine anderen Gäste, die hinter mir sitzen. Es ist das Publikum eines Theaterstücks. Die Beobachtenden, die Spielenden selbst, sind Teil der Erzählung, Teil der Szenerie, und werden selbst von einem virtuellen Publikum beobachtet.

Ganz hinten leuchtet ein rotes Schild, auf dem “Exit” steht. Es ist nicht der Ausgang aus einer Bar, es ist der Ausgang aus einem Theater. Aber ich kann das Stück nicht vor dem letzten Vorhang verlassen, es sei denn ich beende die Software, die die Geschichte auf meinem Computer abspielt. Eine Anmerkung des Autors wird eingeblendet: “Wenn Teile des Publikums während des Stückes gehen wollen, dann lasst sie gehen. Ein Theater ist kein Gefängnis.” Ich schaue noch einen Moment auf das rote Schild und wende mich dann wieder dem Tresen zu und warte auf die Rechnung.

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