#Miiquality

Nintendos Alltags-Simulation Tomadochi Life ist bisher außerhalb Japans nicht all zu bekannt. Doch langsam bekommt sie auch in den USA und Europa mehr Aufmerksamkeit. Allerdings geht es dabei weniger darum, was das Spiel tut, sondern um das, was es nicht ermöglicht: Beziehungen zwischen Spielfiguren, die das gleiche Geschlecht haben.

Spieler_innen können bei der Erstellung ihres “Miis”, also der spielbaren Figur, eine binäre Auswahl zwischen “männlich” und “weiblich” treffen und die Miis anderer Spieler_innen heiraten – allerdings nur wenn diese das jeweils andere Geschlecht haben. Ein Spiel, besonders eines, in dem Beziehungen ein wichtiges Spielelement sind, schließt so viele Menschen schlichtweg aus. Als Reaktion entstand der Hashtag #Miiquality auf FacebookTwitter und Tumblr, unter dem Tye Marini auf das Problem aufmerksam machte.

Auf der GDC sprachen die Entwickler_innen von Animal Crossing noch über die Wichtigkeit von Diversität. Viele Spieler_innen im Publikum und in sozialen Netzwerken reagierten berührt auf die Präsentations-Folie, auf der das Wort groß geschrieben stand. Doch das scheint auf einmal weit entfernt.

#Miiquality ist alles andere als ein Shitstorm. Es ist eine bescheidene Bitte von Spieler_innen, denen Nintendos Welten wichtig sind, in diesen auch wahrgenommen zu werden und schlicht vorzukommen. Trotzdem wirkte Nintendos Reaktion unprofessionell – oder besser gesagt Nintendos Reaktionen. Denn in den wenigen Tagen nach dem Start der Kampagne äußerte sich das Unternehmen mehrmals und änderte dabei seine Position.

Zunächst hieß es: “Die Beziehungs-Optionen im Spiel repräsentieren eher eine verspielte, alternative Welt als eine Simulation des echten Lebens. […] wir versuchen nicht, einen gesellschaftlichen Komentar abzugeben.” Doch genau das macht Nintendo mit dieser Aussage: Menschen die nicht heterosexuell sind werden unsichtbar gemacht, sie existieren in der verspielten Alternativwelt schlicht nicht. Das bloße Anerkennen ihrer Existenz als “gesellschaftlichen Kommentar” zu bezeichnen ist am Ende genau das: ein gesellschaftlicher Kommentar.

Und das dann noch damit zu begründen, dass eben nicht die echte Welt abgebildet werden solle, ist nicht nur angesichts des noch immer andauernden Kampfes für die Öffnung der Ehe in den meisten Ländern der Welt schlicht zynisch. Dass diesen riesengroßen Widerspruch niemand bemerkte, verstärkt den Eindruck, dass die Aussagen wenig überlegt waren. Anscheinend hofften die Verantwortlichen, dass sich nach diesem Statement die Wellen wieder beruhigen und die Diskussion ausgesessen werden kann.

miiquality_miis

Die Aufmerksamkeit flaute jedoch nicht ab, sondern wurde größer, erreichte auch Medien außerhalb der Gaming-Filterblase und führte schließlich zu einer Wende in Nintendos Reaktion: Das Unternehmen entschuldigte sich. “Wir entschuldigen uns, viele Menschen mit unserem Versagen, gleichgeschlechtliche Beziehungen in Tomodachi Life einzuschließen, enttäuscht zu haben.”

Doch die Formulierung ist sehr vage und darunter leidet die Glaubwürdigkeit des Versprechens, eine Fortsetzung inklusiver und repräsentativer für aller Spieler_innen zu gestalten. Ein klares Bekenntnis zu zukünftiger Veränderung ist das nicht.

Heterosexueller Kitsch ist für Nintendo in Ordnung.

Auch die Aussage, dass eine Änderung technisch nicht möglich sei, klingt wenig glaubwürdig. Letztes Jahr gab es in Tomadochi Life einen Bug, der die Beziehungen betraf. Es gab zwar keine Ehen zwischen zwei Figuren des gleichen Geschlechts, aber das Aussehen und das vom Spiel zugewiesene binäre Geschlecht konnten sich unterscheiden, was viele Spieler_innen ausnutzen. Dieses “Fehlverhalten” des Spiels beseitigte Nintendo und nannte es “strange relations“. Technisch nicht möglich scheint in diesem Fall eher zu bedeuten, dass der Aufwand zu groß wäre. Nintendos Aussage, in dieser Version von Tomadochi Life nichts mehr zu ändern ist wohl final.

Jim Sterling rantet in seinem Video völlig angemessen dazu, dass Inklusion der Standard sein sollte und nicht etwas, das eingefordert werden muss, eine Besonderheit oder ein dankenswerter Extraaufwand ist. Heterosexualität ist kein kleinster gemeinsame Nenner, mit dem ohne großen Aufwand alle angesprochen werden. In Die Sims etwa sind Beziehungen aller Art von jeher eine Selbstverständlichkeit, die dem Spiel in Russland eine Einstufung als für Kinder ungeeignet einbrachte.

Der Mainstream der Spieleindustrie wird nur langsam diverser. Es gibt prominente Erfolge wie Gone Home oder homosexuelle Beziehungen in großen Serien wie Mass Effect, aber jedes einzelne Beispiel wirkt wie eine besonders Ausnahme von der Regel: Videospiele sind weiß, cis-männlich und heterosexuell. Da die Studios einen großen Teil ihres Publikums ignorieren, verleugnen und unsichtbar machen, bekommt die Queere Indiegame Szene mehr und mehr Aufmerksamkeit, wie auch der gerade erschienene Film Gaming in Color dokumentiert, in dem unter anderem folgender Satz fällt, den sich viele Unternehmen als “sozialen Kommentar” zu Herzen nehmen sollte: “Wir brauchen keinen Grund um Videospiele zu verändern. Es müsste einen guten Grund geben es nicht zu tun.”

Videospiele schaffen und verstärken bestehende Normen, so wie jedes Medium. Viele Erwachsene, die heute Videospiele spielen sind mit Nintendo aufgewachsen, so wie auch heute noch viele Kinder mit Mario, Zelda, Pokémon und den Miis aufwachsen. Vielleicht sind gerade deshalb so viele von Nintendo enttäuscht und erhoffen sich gerade von ihnen bessere Welten, als die, die wir immer wieder sehen.

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