gamescom 2014

Die jährlich in Köln stattfindende Gamescom ist die größte Spielemesse der Welt. Nicht “eine große” sondern “die größte”. Über 335.000 Besucher_innen drängten sich letzten Monat durch die Gänge der Messehallen.

Sie mag nach wie vor von einigen belächelt werden, prägt aber das öffentliche Bild von Videospielen in Deutschland wie sonst nur Killerspieldebatten. Und da es in unser aller Interesse ist, wie diese Wahrnehmung ist, kommen wir wohl nicht darum herum, auch die Gamescom ernst zu nehmen. Ein Termin, irgendwo zwischen Industrietreffen, Presseevent und Publikumsverkehr.

Säuberlich und unverständlich in sich selbst unterteilt, zwischen Business und Entertainment, zwischen Messe und Congress, zwischen GDC und Gamescom. Teenager und YouTube-Stars neben Anzugtypen und Pressekonferenzen.

Nicht getrennt jedoch zwischen Hardcore- und Casual-Gamer_innen. Wer sich dieses Event antut, beweist in jedem Fall, dass irgend eine Art von Gamer_in in ihr_m steckt.

Unter dem Motto “celebrate the games” werden Spiele gefeiert… aber auch alles, das an der Videospielindustrie und -community oft so unerträglich ist. Mit Parties in Bordellen und Booth-Babes vor explodierenden Panzern bestätigt die Industrie jedes über sie kursierende Klischee selbst.

So abschreckend das gelebte Klischee auch ist, so anziehend wirkt es auf das Publikum, dass dann in weiten Teilen auch dem Klischee entspricht. Weiße Teenagerjungs stehen vor den Spielen an, in denen weiße Actionhelden den Tag retten. Außer du hast in dem Stadtteil gelebt, den sie gerade im Namen der Freiheit gesprengt haben.

So positiv fällt dann wohl aber auch die Überraschung aus, wenn alles doch gar nicht so schlimm ist wie erwartet. Gamerinnen und Gamer, Cosplays, Tshirts und Anzüge, Eltern und Kinder. Irgendwie sind sie doch alle da.

Präsenz von Bundeswehr und Junger Union über diverse Universitäten mit ihrem Angebot an “irgendwas mit digitalem Gedöns”-Studiengängen bis zu Verkehrssicherheitsvereinen Nortrheinwestfalens zeigen auch das große Interesse, das von vielen Seiten am größtenteils jungen Publikum herrscht.

Wenn eins außerhalb der Spiele-Filterblase erwähnt, dort gewesen zu sein, kommt die Frage “Was macht man da so auf der Gamescom?” Keine leichte Frage. Viel laufen. Und auf jeden Fall auch immer ein wenig überfordert sein. Ohne einen Plan gehabt zu haben, ohne den Stress oder die Struktur von vorher abgesprochenen Terminen, planlos zwischen Menschen und Ständen entlang.

Vorbei an den riesigen Leinwänden, auf denen Teams von Besucher_innen gegeneinadner Final Fantasy spielen. Nach dreißig Minuten ebenso fasziniertem wie irritiertem Zuschauen erschließen sich die Regeln so langsam. Fast wie damals, als ich zum ersten mal einen Superbowl sah. Inklusive der fachsimpelnden und jubelnden Fans.

Weiter zu Orten wie der Indie Mega Booth, die Stände diverser Universitäten, die kleinen Treffpunkte mit den kleinen Gesprächen. Nicht mit einem Marketing-Menschen, studentischen Hilfskräften oder Praktikant_innen der PR-Abteilung, sondern mit Entwickler_innen und Fans. Auf Augenhöhe und gegen den Lärm und das Spektakel der Techno-Parade des viel größeren Standes nebenan ankämpfend.

In einem Spiel wie Back To Bed lässt sich das Gefühl des Schlafwandelns nur schwer erahnen, wenn von hinten Dubstep dröhnt. Der Blick auf die verträumten Planetenlandschaften in Affordable Space Adventures weicht schnell vom Bildschirm ab, wenn die Bässe die Plakate von der Wand fallen lassen.

Die Gamescom ist halt kein Festival und keine Konferenz, sondern eine Messe und dort entscheidet das Kapital, wer sich wo wie präsentieren kann und darf. Und was das angeht gewinnen dann doch immer die Großen.

Wer das Kapital hat, hat also auch das Publikum, das sich in endlosen Reihen vor den Ständen staut. Schlangen, alles voller Schlangen. Die Hinweisschilder sind auf bis zu 8 Stunden vorbereitet, es wird empfohlen Stühle mitzubringen. Nach der Investition von so viel Schweiß, Tränen und Beinmuskulatur muss der 11. Teil von Call of Duty das einfach wert sein, wenn mensch selbst es sich schon wert ist. “Die warten so lange nur um zu Spielen?” fragen wir uns und schlendern weiter durch die Hallen, ohne zu Spielen.

Schlendern ist ja fast Rebellion in der allgemeinen, lauten Hektik. Nach mehreren Blicken auf die Hallenpläne überlassen wir dann doch dem Zufall, wo wir was finden oder eben nicht. Zwischen allem laut, anstrengend, plötzlich Entspannung: Mitten in der Businessarea lässt mich der – nur Mal kurz ausprobieren!! – Massagesessel mit fancy Lichtblitzen in der Brille einfach nicht mehr los.

Große und Spektakuläre Spiele dominieren die eine Halle, während sich am anderen Ende der nächsten Halle Obskuritäten wie Whacky Wit finden lassen. Das hübsche, handgearbeitete Brettspiel ist eine dreiste Mischung aus Pacman und Mensch Ärgere dich nicht – die nette Urheberrechtsverletzung von nebenan. Und was ist eigentlich mehr Retro: Die gleichnamige Lounge, in der sich von verschiedenen C64 bis zur ersten Playstation all die Spiele und Konsolen spielen lassen, die wir als Kinder immer haben wollten oder das Print-Newspaper, das in der Indie Megabooth ausliegt?

Selbst wenn der Landwirtschaftssimulator auch nach fünf Jahren Erfolg noch immer von mancher Seite elitär belächelt wird, hat sich das Franchise seinen Stand direkt neben der entspannten Baum- und Sitzsack-Landschaft von Sony verdient. Und die Macher_innen berichten im Gespräch nicht nur von der positiven (und sehr, sehr männlichen) Community, sondern auch von den in World of Warcraft, Dragon Age, Need for Speed und Call of Duty verbrachten Stunden. Denn sie sind natürlich auch Gamer.

Alle sind hier Gamer_innen. Außer den allerorts anzutreffenden Businesskaspern vielleicht, die mit einer Mischung aus Irritation und Unterhaltung auf die Massen blicken. Idealerweise vom oberen Ende der Rolltreppe herab.

Aber wir reden von Gamern. Überhaupt, “Gamer”. Dass sowieso alle und jede_r Gamer_innen sind, darauf sollten wir uns inzwischen doch einigen können, egal ob wir in unserem Lieblingsspiel bunte Aliens abschießen oder Schlafwandlern den Weg weisen. Oder Raumschiffe lenken, Schätze suchen und Häuser bauen. Gegeneinander und miteinander kämpfen – oder auch mal gar nicht.

Am Mittwochabend verabschiedet sich die eine von uns, Donnerstag Nachmittag endet die Gamescom auch für den Anderen. Die Kapazitäten, die nötig wären um sich noch einmal durch die vollen Gänge zu drängeln, hebe ich mir auf und umgehe das Gelände außen. Eigentlich ist ein Tag nicht genug. Eigentlich ist mehr als ein Tag dieser Lautstärke und den Menschenmassen an Publikumstagen nicht auszuhalten.

In der S-Bahn stehen nicht nur andere Besucher_innen der Gamescom, sondern auch normale Menschen. “Die fahren so weit nur um zu Spielen” höre ich einen sagen und denke an die vier Stunden im ICE, die noch vor mir liegen. Ja, tun sie, aber warum weiß ich auch nicht so richtig.

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