Ist Recherche eigentlich guter Stil?

Folgender Text ging soeben an die Redaktion des Zeit Magazins. Er bezieht sich auf diese Kolumne von Tillmann Prüfer.

Ich rege mich eigentlich gar nicht so leicht auf und schreibe keine Rants.
Das dachte ich zumindest, bis Dienstag morgen. Dienstag morgen las ich während meines ersten Kaffees Ihre Stil-Kolumne, nicht sonderlich begeistert. Nichts Neues, das alles, und auch nicht besonders, nunja, pointiert.
Und dann ist da dieser letzte Absatz und ich bin schlagartig wach.

“Die Frauenbewegung hat sich offenbar nicht genug für Videospiele interessiert – diesen Vorwurf muss man ihr machen.” 

Abgesehen davon, dass “Die Frauenbewegung” ja immer an allem Schuld ist, oder eben versäumt hat an etwas Schuld zu sein…:

Entweder sind Sie unglaublich ignorant zu glauben, die Ereignisse der letzten Wochen und Monate in der Videospieleszene einfach unerwähnt lassen zu können, oder Sie haben davon tatsächlich nichts mitbekommen.

Und einen Text über Sexismus in Videospielen zu schreiben, ohne über das Thema zu stolpern, das jede Debatte um Videospiele zur Zeit beherrscht, lässt erstmal nur den Schluss zu, dass Sie das mit der Recherche nicht so ernst nehmen. #Gamergate fand sich auf der Titelseite der New York Times und heute sogar in der Tagesschau. Ein Nischenthema ist das nicht.

Aber gut. Vielleicht fasse ich einfach kurz zusammen, was #Gamergate mit dem Thema ihres Textes zu tun hat: Die Beobachtungen die Sie machen, sind nicht neu. Und sie wurden auch von “der Frauenbewegung” nicht verpasst oder übersehen. Frauen spielen Videospiele, Frauen machen Videospiele und Frauen kritisieren Videospiele. Für all das werden sie belächelt, belästigt und gehasst. Nein, ich übertriebe hier nicht. Ich würde gerne, aber es ist Realität.

Frauen, Feministinnen, die die Punkte kritisieren, die Sie in Ihrem Text erwähnen und noch viel, viel darüber hinaus analysieren, in Zusammenhang setzen, von eigenen Erfahrungen berichten, diese Frauen werden, zum Teil seit Jahren, bedroht und belästigt. Seit einigen Monaten geschieht das komprimiert, stetig werden sie beschimpft, eingeschüchtert und aus ihren Jobs und Häusern gedrängt. Was das mit Gesundheit, Sicherheit und sozialen Beziehungen macht, davon will ich nicht einmal anfangen. 

In dieser Sitation, in der sich Frauen nicht mehr trauen in Ihren eigenen Häusern zu schlafen, in der es Mord-, Bomben- und Amokdrohungen gibt, wenn sie öffentlich über Sexismus in Spielen sprechen wollen, in dieser Situation einen derartigen Vorwurf zu machen, wie das in Ihrem flapsigen Satz geschieht, so ein bisschen nebenbei, den eigentlich geht es ja um Mode: das macht mich wütend. Sehr wütend.

Auch, weil ich glaube, dass diese Kämpfe, gegen die sich so erbittert gewehrt wird, auch weiterhin mehr Aufmerksamkeit verdienen und ganz sicher nicht die alte Unsichtbarkeit. Aber zu dieser tragen Texte wie der Ihre bei. Dadurch erstarken die Bullys, die Sexisten, die “GamerGater”.

Deswegen schreibe ich Ihnen und vielleicht antworten Sie ja, und vielleicht werde ich dann etwas versöhnter. Eigentlich mag ich es nämlich doch lieber entspannt.

Ein Gedanke zu “Ist Recherche eigentlich guter Stil?

Kommentar verfassen