Auf einem grauen Hintergrund sind grüne Kästchen mit stilisierten Hundehaufen. Darüber die Schrift: Shitstom. Leider verloren!

Shitstorm Fighter für Toleranz

Die Werbekampagne der ARD-Themenwoche Toleranz geht gerade gnadenlos in die Hose. Ob Homosexualität normal oder nicht sei, solle da diskutiert werden. Sind behinderte Menschen Außenseiter_innen oder Freund_innen und ist ein Schwarzer, älterer Mann eine Bereicherung oder Belastung? 14 Jahre Eingetragener Lebens­partnerschaften, eine ebensolange Arbeitszeit an der UN-Be­hinderten­rechts­kon­vention und aktuelle Diskussionen über den Rassismus, Schwarzen Menschen erstmal zu unterstellen, keine Deutschen zu sein – all das kann eine Journalismusorganisation natürlich ignorieren. Aber dann folgt 2014 halt der Shitstorm.

Apropos Shitstorm. Dazu hat die ARD ein kleines Spiel vom BR verlinkt: Shitstorm Fighter – in dem sich all die Fails der Kampagne wiederholen. Der Shitstorm sei nämlich nicht zu gewinnen, es ginge nur ums (möglichst lange) Durchhalten. Und prinzipiell könne es jeden treffen, in diesem Fall jemanden, der ein lustiges Katzenbild postet.

Leider hat sich niemand genau überlegt, was denn nun ein Shitstorm sei, bzw. was hinter so einem Shitstorm steht. Denn die Mehrheit an Shitstorms hat sich an Firmen gewandt, wie gerade dieser… Da entlud sich (etwa beim sogenannten Chef-Ticket der Deutschen Bahn) allgemeiner Unmut mit Firmen oder es werden konkrete Vergehen kritisiert, wenn Gewalt gegen Frauen verharmlost wird, wie 2012 in der YouTube-Kampagne von „E wie einfach“. Gerade letztere Shit­storms haben ein Ziel und sind daher „zu gewinnen“. E wie einfach hat das kritisierte Video am selben Tag zurück gezogen und eine vergleichsweise gute Entschuldigung geschrieben. Fall abgeschlossen. Auch bei eher dadaistischen Shit­storms lässt sich mit Humor ein Imagegewinn erzielen – wie bei der Etikettendesignaktion von Pril, die tatsächlich eine Rage-Face-Flasche in limitierter Aktion produzieren ließen.

Vielleicht aber meint die ARD auch einen Shitstorm, der potentiell „jeden“ treffen kann. Davor fürchten sich vermutlich alle, in der Realität trifft es dann aber doch die, die bereits offline Spott und Häme ausgesetzt sind und diskriminiert werden. Zuletzt hat Gamergate bewiesen, dass Hass und Shitstorm nur Firmen und Frauen traf, nicht aber die Männer, die sich gegen Gamergate aussprachen. Mit einher gingen z.B. Antisemitismus, Hass gegenüber Transfrauen und Abwertung von psychischen Krankheiten. Die Betroffenen mussten aufgrund von Bomben­drohungen ihre Häuser verlassen und einige werden bereits seit Jahren belästigt.

Welche Botschaft also will die ARD mit diesem Spiel vermitteln, wer soll es spielen und dann was daraus mitnehmen? Sollen es diejenigen spielen, die bereits in einem Shitstorm standen und wieder einmal lernen, dass sie nur verlieren können? Sollen es diejenigen spielen, die (zu Recht) so einen Shitstorm befürchten und sich daher eh nicht in öffentliche Diskussionen einbringen? Oder sollen es diejenigen spielen, denen so ein Shitstorm gar nicht droht, um dann die Situation nach­zu­empfinden? Bei aller Liebe zum Computerspiel, aber dafür reicht ein Spiel, das nach 20 Sekunden vorbei ist, nun wirklich nicht aus.

Da hätte die ARD doch jemanden konsultieren sollen, der oder die sich mit sowas auskennt. Denn Erfahrungen über Computerspiele zu vermitteln ist eine gute Idee. Gut gemacht hat das gerade Zoe Quinn, deren Spiel Depression Quest eine (scheinbar) ausweglose Situation ungleich deutlicher erleben lässt. Auf jeden Fall sollte die ARD von der Vor­stellung und aktuellen Strategie abrücken, ein Shitsturm ließe sich aussitzen. Sondern sich vernünftig entschuldigen und in der Gegenwart ankommen.

Mehr über die Themenwoche hat queer.de zusammengetragen.

Ein Gedanke zu “Shitstorm Fighter für Toleranz

Kommentar verfassen