Bücherstapel of shame

Es ist schon ein paar Tage her, da warf uns Kleinerdrei ganz unvermittelt ein Blogstöckchen zu – und damit auch die Frage, was ein Blogstöckchen denn überhaupt ist. Es ist so etwas wie ein Wanderpokal. Wer ihn hat, darf schreiben. In diesem Falle über die ungelesenen Bücher, die noch unbedingt gelesen werden wollen. Bei Spielen heißt das pile of shame. Bei Büchern über Spiele… hm, ja, wie eigentlich? Vielleicht einfach genau so.

kultur und geschlecht Ausgabe #12 (Helga)

Gar kein Buch, sondern ein Onlinejournal ist die kultur und geschlecht der Ruhr-Universität Bochum. Hier soll es trotzdem gelten, denn der ungelesene Tab macht mir schon eine Weile ein schlechtes Gewissen. Die Ausgabe #12 wurde gestaltet von der Initiative Game Studies (IGS). Es geht um Selbstoptimierung durch Gamification (liebe HabitRPG-Fans) sowie gegenderte Sprache in Videospielen mit wählbarem Avatar-Geschlecht. Als Denkanstoß wird Anita Sarkeesians Tropes vs. Women zitiert. Der Backlash gegen sie wird übrigens in Ausgabe #13 analysiert. Der Stapel wächst.

Leigh Alexander: Clipping Through, Jen Wang und Cory Doctorow: In Real Life (Daniel)

Leigh Alexander ist vermutlich eine der bekanntesten, auf jeden Fall aber eine meiner liebsten Spielekritikerinnen, die mittlerweile auch Bücher geschrieben hat. Das wunderbar betitelte Breathing Machine handelt von ihrem Aufwachsen nicht nur mit Spielen, sonderm dem Computer und dem Internet an sich. Inzwischen ist ein weiteres hinzugekommen: Clipping Through handelt vordergründig – und auch im Untertitel – von einer Woche zwischen London und New York, die auf der Game Developer Conference 2014 endet. Es ist aber mehr als ein Reisebericht ist, sondern eine Reflektion über die inzwischen acht Jahre, in denen sie professionell über Spiele schreibt.

Als wäre die eigentliche Prämisse nicht schon genug, ist es das, was mich wirklich reizt: Ich habe mein Leben lang gespielt und fast genau so lang über alles mögliche geschrieben – aber erst letztes Jahr führte ich beides zusammen und entdeckte damit meine Faszination für Videospiele neu. Wäre das nicht das Problem mit meiner kurzen Auf­merksamkeits­spanne hätte ich beide Bücher schon verschlungen. Auf meinem Kindle liegen sie jedenfalls schon, teuer waren sie nicht (wegen transphober Politik ihres Verlages rät Alexander, Breathing Machine raubzukopieren) und lang sind kann eins sie auch nicht wirklich nennen.

Aber wie das so ist mit der kurzen Aufmerksamkeitsspanne eines Videospielfans kam mir ganz plötzlich noch etwas anderes dazwischen: In Real Life, eine Visual Novel von Jen Wang und Cory Doctorow. Heldin Anda lebt darin zwischen der echten Welt und einem Online-Rollenspiel. Und wenn mich die positiven Kritiken nicht überzeugt hätten, dann hätte das eigentlich auch schon der wunderschöne Zeichenstil allein geschafft. Jetzt muss ich es nur auch wirklich noch lesen, denn momentan liegt das Comic noch unangetastet – oben auf meinem Kindle.

Spellbreaker (Jörg)

Was zum Lesen! Was zum Spielen! Und Schokolade! Naja, Spellbreaker von den bekannten Fighting Fantasy Autoren Steve Jackson und Ian Livingston kann bei der Schokolade nicht helfen, aber bei den anderen beiden Punkten. Eine Fantasy Geschichte in der ihr immer wieder entscheiden müsst, wie ihr die Geschichte fortsetzen wollt. Kämpfe werden mit Würfeln bestritten, die auch auf die Seiten gedruckt sind, um unterwegs lesen und spielen zu können.

Unit Operations, Newsgames und Persuasive Games (Agata)

Während Leigh Alexander oder Cara Ellison ein wenig als die bad girls des Videospieljournalismus gelten, kommt Ian Bogost mehr von der universitären Seite daher. Gelehrt und berufen heißt ja nicht gleichzeitig interessant und klug. Bogosts ungewöhnliche Perspektiven sind aber auf jeden Fall einen Blick wert.

In Unit Operations behauptet er, sowohl Literatur als auch die prozessorbasierte Erzählung eines Videospiels beruhten auf dem gleichen Prinzip: Jedes Medium könne als ein System von miteinander verbundenen Bedeutungseinheiten verstanden und gedeutet werden. Mit diesem Gedanken will er die Ansätze der Geisteswissenschaften mit denen der Computerwissenschaften verbinden. Ich muss zugeben: Ich bin skeptisch. Irgendwie klingt das Ganze nach Reduktionismus. Aber bevor ich es nicht lese, kann ich auch nicht wirklich meckern.

Newsgames geht von einem ganz anderen und ähnlich ungewöhnlichen Standpunkt aus: Videospiele seien die ureigene Darstellungsform digitaler Medien und sollten dort auch als (journalistisches) Medium benutzt werden. Ein interessanter Gedanke, der ausnahmsweise Spiele nicht als künstlerischen Deutungsinhalt oder technisches Konstrukt betrachtet, sondern als Gestaltungsmedium innerhalb anderer Medien.

Bei Persuasive Games befasst sich Bogost schließlich mit der Überzeugungskraft von Videospielen und deren Potential als Medium der Zukunft: Spiele lassen Spieler_innen an echten oder erdachten Systemen teilnehmen und schaffen durch die Interaktion eine besondere Möglichkeit, sich eine Meinung zu bilden. Videospiele als Werkzeuge einer prozeduralen Rhetorik also?


Als wir das Blogstöckchen zugeworfen bekamen ging es um die Bücher, die wir dieses Jahr noch lesen wollen. Das Jahr neigt sich mittlerweile dem Ende zu, also werfen wir das Stöckchen jetzt statt an ein anderes Blog an euch weiter, liebe Leser_innen: Habt ihr noch Bücher, Comics oder anderes Lesenswertes auf dem Stapel oder der Weihnachtswunschliste, dann berichtet uns davon in den Kommentaren.

2 Gedanken zu “Bücherstapel of shame

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