Auf grauem Hintergrund sind gelbe Dreiecke und blaue Quadrate zu sehen

Parabel der Polygone – ein Blog-Spiel-Lehrstück

Mathematik, Sozialwissenschaften und Gesellschaftskritik – verpackt in einem spielbaren Blogpost. Mit der Parabel der Polygone vermitteln die Mathemusikerin Vi Hart und Spieleentwickler Nicky Case (Nothing to Hide) große Themen in verständlichen Stückchen.

Auf schwarzem Hintergrund sind rechts gelbe Dreiecke und links blaue Quadrate, jeweils mit Gesichtern und Füßen

Gelbe Dreiecke und blaue Quadrate sind die Protagonist_innen, die sich gerne unter Ihresgleichen gesellen, Diversität und Abwechslung gleichwohl zu schätzen wissen. Was passiert nun, wenn einsame Förmchen aus ihrem Unglück wegziehen aber gleichförmige Langeweile ertragbar scheint? Ob selbst-gespielt oder im Zufallsgenerator berechnet, am Ende teilen sich die Blauen und die Gelben auf, auch wenn nur wenige richtig glücklich scheinen. Die Abgrenzung gewinnt immer. Schmankerl: Als untere Grenze ist hier zunächst das Drittel angesetzt, das bei Diskussionen über gefühlte Repräsentation von Frauen oft zitiert wird.

Doch die Grenzen, ab wann wir uns einsam oder gelangweilt fühlen, sind ja nicht in Stein gemeißelt, schon gar nicht in einem Spiel. So stellen und Hart und Case uns vor die Herausforderung damit zu experimentieren und die Aufteilung zu verhindern oder zu beschleunigen. Und gerade, wenn die vorurteilsfreie Gesellschaft erreichbar scheint, erinnern die beiden an die Realität und ihre Altlasten. Solange die da sind, reicht es nicht aus, jetzt alle Vorurteile abzuschaffen. Ganz so deprimierend wollen sie das Abgrenzungsmodell von Spieletheoretiker Thomas Schelling dann aber doch nicht stehen lassen: Aktiv werden gegen Einheitsbrei, so lautet ihre Forderung. Selbst ein kleines bißchen eingeforderter Diversität hilft gegen den Trend zur Eintönigkeit. Auch das lässt sich natürlich im Spiel nachvollziehen.

Neben dem Abgrenzungsmodell (auch Schellingschem Segregationsmodell genannt) verweisen die beiden noch auf weitere Studien zur Frage, wie kleine Vorurteile große Auswirkungen entwickeln können. Darunter Male-Female Differences: A Computer Simulation, in der nachgewiesen wird, dass kleine, vernachlässigbar erscheinende Unterschiede bei Arbeitsbewertungen klare, sich verschlimmernde Unterrepräsentation in den Führungsetagen einer Firma bedeuten kann.

So kurzweilig wie die Parabel der Polygone fand ich schon lange keinen Blogbeitrag mehr. Die Szenarien und Simulationen laden zum Spielen und Ausprobieren ein, die Botschaft erschließt sich aber auch beim Lesen. Das Projekt haben Hart und Case in die Public Domain entlassen und verzichten damit auf Urheber- und andere Schutzrechte. Stattdessen solle die Parabel in die Welt getragen werden, in Schulräume und darf dabei auch verändert werden. Innerhalb weniger Tage sind dabei schon verschiedene Übersetzungen entstanden, so etwa die deutsch-sprachige Version. Super-awesome wäre die natürlich noch in einer geschlechter-gerechten Version.

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