Zensur!?

„Zensur!“ schallt es in den letzten Tagen an vielen Ecken im Internet. Grand Theft Auto (GTA V) wird nach einer Petition nicht mehr in australischen Filialen der Supermarktkette Target verkauft, der 2013 erschienene Indie-Liebling Papers, Please ist mit einigen Schwierigkeiten auf dem iPad erschienen, nachdem Apple die pixeligen Bilder nackter Menschen im Spiel untersagte und der Amoklauf-Shooter Hatred wurde zeitweise aus Steams Voting-Plattform Greenlight entfernt. Ganz schön viel und ganz schön durcheinander – dabei ergibt es Sinn, sich die einzelnen Fälle anzuschauen.

Der inzwischen tatsächlich schon siebte Teil von Grand Theft Auto erschien bereits 2013. Bereits damals wurde der Inhalt des Gangster-Dramas kritisiert. Frauen, Homosexuelle, People of Color und Trans*-Personen werden auf stereotype Karikaturen reduziert und Fallen der überbordenden Gewalt des Spiels zum Opfer. Es ist leider nichts neues, dass die Spielmechaniken der Serie dies durchaus belohnen, auch wenn sie meist nicht aktiv dazu auffordern. So lassen sich Sexarbeiter_innen etwa Ausrauben, um ihnen das gezahlte Geld wieder abzunehmen oder das Belästigen von Tänzerinnen wird zu einem herausfordernden Minispiel stilisiert.

Rockstars Spiel gibt sich als bissige Satire, aber tritt in dieser aber meist nur nach unten und sucht sich die leichtesten Ziele. Gruppen, die ohnehin schon von der Gesellschaft marginalisiert werden, werden es auch in der virtuellen Welt von Los Santos. In dieser Hinsicht ist GTA keine Satire, sondern nur unbeabsichtigt ein zynischer Spiegel der echten Verhältnisse. Diese Debatte fand eigentlich bereits beim Release letztes Jahr statt. GTA V erschien nun auch für den PC, inklusive der Möglichkeit, aus der Ego-Perspektive zu spielen – von der Schießerei beim Bankraub bis zu den bereits erwähnten Übergriffen auf Sexarbeiter_innen. Diese Neuerung eröffnete wortwörtlich eine andere Perspektive und führte stellenweise zu neuer Kritik am Spiel

Und jetzt veranlasste eine Petition den australischen Ableger der Supermarkt-Kette Target dazu, das Spiel aus dem Verkauf zu nehmen. Es folgten die vorhersehbaren Zensur-Vorwürfe, die auf einem grundlegenden Missverständnis basieren: GTA V wurde weder indiziert, es wurde kein allgemeines Verkaufsverbot von staatlicher Seite ausgesprochen, noch wurde der Inhalt des Spiels geschnitten um den Verkauf weiter zu ermöglichen. Es ist schlicht nicht mehr in den Regalen eines Supermarktes zu finden, der Videospiele nur als eines von vielen Produkten im Sortiment führt. Online und offline ist es in Australien immer noch legal zu bekommen. Und selbstverständlich würde auch niemand auf die Idee kommen es als Zensur zu bezeichnen, dass Target unzählige andere Spiele nie im Sortiment führte.

Die erste Aufregung ist als Abwehrreaktion durchaus nachvollziehbar. Gerade in Deutschland wurden in den letzten 20 Jahren unzählige Killerspiel-Debatten geführt und von Politikern populistische Verbote gefordert. Spiele wurden indiziert und der Inhalt teilweise stark verändert, was zu absurden Ergebnissen führte: Blut in System Shock 2 war neongrün, getroffene Gegner in Counter-Strike setzen sich kopfschüttelnd auf den Boden und die Soldaten in Command & Conquer wurden zu blechernen Robotern, die nach Servo-Öl schrien. Lange ist das alles noch nicht her und so ist bei allem, was einem Verbot ähnelt die Befürchtung wieder da, dass Videospiele nach wie vor gesellschaftlich nicht akzeptabel sind – und das eigene Hobby nicht legitim sei.

Ähnlich verhält es sich mit Hatred. Dem Amoklauf-Simulator wurde von Valve zeitweise der Zugang zur Download-Plattform Steam untersagt. Ebenso wie im Falle von Target ist es ihr gutes Recht, selbst über die Produkte die sie anbieten zu entscheiden. Und sie hätten durchaus gute Gründe: Gegen die Entwickler gibt es den Verdacht, der rechten Szene angehörig zu sein und auf Steam selbst gab es seitens der Fans den Wunsch danach, im Spiel Jagd auf Feministinnen wie Anita Sarkeesian machen zu können. Sie dementierten zwar, dennoch blieb die Kritik an dem allein auf Provokation ausgelegten Spiel laut. Genau hier setzt die vermeintliche Konsum-Bewegung GamerGate an. GTA V und Hatred werden zu Opfern der “political correctness” ernannt und die durchaus spannende Diskussion, welche Auswirkungen solche Verkaufsstopps auf das gesamte Medium haben können, von vornherein in den Kontext der Hetzkampagne gestellt – und so weitestgehend unmöglich gemacht.

Ein komplizierterer Fall ist die Veröffentlichung von Papers, Please auf dem iPad. Die erste Version des bereits 2013 erschienenen und mit Lob überhäuften Indie-Titels wurde von Apple abgelehnt, weil Bilder nackter Menschen zu sehen sind. Spielende schlüpfen in Papers, Please in die Rolle eines Grenzkontrolleurs eines fiktiven totalitären Staates und bekommen dabei auch Zugang zu einem „Nacktscanner“. Das Spiel wurde dann zugelassen, nachdem Entwickler Lucas Pope die Nacktheit entfernte. Im Spiel geht es um Privatsphäre, Intimität und Formen der staatlichen Gewalt – Papers, Please ist ein politisches Spiel, dessen Aussage durchaus geschmälert wird, wenn inhaltlich darin eingegriffen wird. Und dass ausgerechnet einem Spiel über die bürokratischen und kaum nachvollziehbaren Einlasskontrollen eines totalitären Staates der Zugang zu Apples App Store untersagt wurde ist bitter und zynisch.

Inzwischen ist die Nacktheit als Option wieder aktivierbar – wohl vor allem, weil Apple dem medialen Druck schnell nachgab. Apples undurchsichtige Regulären sind schon lange bekannt und wurden immer wieder kritisiert. Anders als Valve oder Target kontrollieren Apple den Zugang zu einer kompletten Plattform. Kritischen Spielen wie PhoneStory wird der Zugang zu iOS-Geräten gänzlich untersagt, während in der Spiele-Kategorie manche Free-to-Play-Titel gezielt auf Kinder ausgerichtet werden und Indie-Titel hemmungslos kopiert werden dürfen. Natürlich geht es Apple letztendlich um Geld und ihr Image, nicht um Kunst oder Politik. Die nur schwer nachvollziehbare Doppelmoral beim Review-Prozess ist aber auch nach Jahren immer noch vorhanden und angesichts der großen Verbreitung von iOS durchaus problematisch.

Allerdings hat sich hier noch keine große Bewegung der Konsumierenden gefunden, um Protest-Emails an Apple zu schreiben. Ebenso wird jetzt sicherlich niemand Valve boykottieren, weil sie Hatred nicht verkaufen wollten. Auffällig ist, dass die Weigerung von Target und Steam, GTA V und Hatred zu verkaufen, von Gamer_innen scharf kritisiert wurde, wohingegen ein ähnlicher Aufschrei wegen Papers, Please ausblieb – dabei wurden von diesem als einziges sowohl inhaltliche Anpassungen gefordert als auch der Zugang zu einer ganzen Plattform verweigert. Wenn eines dieser drei Beispiele am ehesten etwas mit Zensur zu tun hat, dann der letzte Fall.

Dennoch wirft der inzwischen wieder zurückgenommene Rauswurf von Hatred Fragen auf. Valve gibt sich in ihrem Statement vage und wortkarg und nahm das Spiel kurz darauf mit einer persönlichen Entschuldigung von Firmenchef Gabe Newell wieder ins Portfolio auf. Während das den Hype um Hatred weiter steigern dürfte, muss sich Valve nun rechtfertigen, warum sie ähnlich brutale Spiele ohne weiteres anbieten oder Greenlight sonst kaum modieriert wird – gerade angesichts ihrer quasi vorhandenen Monopolstellung auf dem PC. Andererseits hat sich Hatred auch selbst als Sonderfall positioniert und wurde nun eben auch als solcher behandelt. Der Rausschmiss dürfte eigentlich niemanden überrascht haben, am allerwenigsten wohl Entwickler Destructive Creations.

Bei all den Komplikationen gibt es dennoch kaum Verlierer. Allen Parteien geht es um Aufmerksamkeit – eine Aufmerksamkeit, von der letztendlich alle profitieren. Target kann mit dem Verkaufsstopp zum einen zeigen, dass es auf die Sorgen ihrer Kundschaft hört und stärkt damit sein Image als familienfreundliches und kundenorientiertes Unternehmen. Rockstar hingegen wird kaum Verkaufseinbuße erleiden und kann sich dennoch endlich wieder als bad boy der Spieleindustrie inszenieren – ein Image-Schub der gerade recht kommt, denn die Zahl der Artikel, die Grand Theft Auto eher reaktionär als rebellisch einordnen, hat sich in den letzten Jahren gehäuft. Hatred wird sich gut verkaufen und Valve wird davon profitieren. Und „die Gamer“? Sie haben neue Bestätigung, dass „ihr“ Medium nicht ernst genommen und gesellschaftlich noch immer gebrandmarkt wird.

Paper’s Please hingegen ist wohl zu klein, zu uninteressant, vielleicht auch zu social justice, um sich den Support von einer angeblichen Konsum-Bewegung wie GamerGate sichern zu können. Dass dann ausgerechnet die stumpfe Gewaltfantasie und ein überhyptes Mainstream-Spiel die lautstarke Unterstützung erhält, offenbart nur wieder die Bigotterie, die hinter dem Hashtag steckt. Am Ende wird von allem wohl wenig mehr bleiben, als ein paar klickwerte News-Beiträge. Eine wirkliche Diskussion um die komplexen Problematik von Zensur und Publikum, von der Verantwortung und den Interessen aller beteiligten Seiten, entstand nicht. Ist die Aufregung erst abgeklungen, werden sie wohl höchstens als Randnotizen eines schwierigen Jahres für Videospiele in die Geschichte eingehen, als weitere Rückschläge im Erwachsen werden eines noch immer jungen Mediums.

Klar abgesteckte inhaltliche Richtlinien könnten solche Situationen verhindern. Plattformen wie Steam und Apples App Store, aber auch etwa die ebenfalls in der Kritik stehenden Crowdfunding-Seite Patreon. Sie bieten Spielen die Aufmerksamkeit einer großen Kundschaft und profitieren von allem was sie verkaufen mit. Das setzt sie in eine Verantwortung über die Inhalte. Videospiele sind nicht einfach nur Software-Produkte, sie sind Werke mit kulturellem Einfluss – und müssen auch als solche bewertet werden. Eine naive Interpretation des Schlagworts “freie Rede” als “alles ist erlaubt” hilft der Diskussion nicht weiter, denn all die genannten Plattformen positionieren sich betreits in der Auswahl der Titel, von denen sie profitieren wollen. Solange sich diese Diskussion aber nicht vom Blick auf gehypte Einzelfälle, unüberlegten Zensur-Vorwürfen und dem ewigen Blick auf die vergangenen “Killerspiel”-Diskussionen lösen kann, wird sie jedes mal die selbe sein.

Hatred wird auf Steam verkauft werden. Coming Out On Top nicht.

3 Gedanken zu “Zensur!?

  1. Hat die “Zensur!!!111einsölf”-Fraktion (oder Teile davon?) nicht auch Zoe Quinn so sehr belästigt dass sie Depression Quest erstmal von Greenlight zurückzog?

    Gelegenheiten gab es ja bereits genug um über die (quasi) Monopolstellungen von Steam oder dem Appstore zu reden, es ist ja nicht das erste Spiel das von Greenlight entfernt wurde. Sich dann aber ausgerechnet bei sowas wie Hatred dann trauen aus den Löchern zu kommen… m(

    1. Genau. Es gibt sicher gute Gründe dafür, dass Hatred auf Steam auftauchen sollte, ebenso wie dagegen. Aber nur Hatred unterstützen im vermeintlichen Kampf gegen “political correctness” und als Provokation ist sehr auffällig und vernebelt lediglich die eigentlich nötige Diskussion.

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