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“Sie sind hier! Oh Gott, sie haben dich gefunden!” Ich weiß nicht wer oder was mich gefunden hat und mich verfolgt. Aber ich weiß, dass ich mich ihnen nicht stellen kann. Verstecken oder fliehen – das sind meine einzigen Optionen in “The Wanderer”.

Mit “The Wanderer” hat Terence Eden ist ein Text-Adventure auf Twitter gebaut. Das Spiel selbst untescheidet sich nicht so sehr von Art “choose your own adventure“-Stories, die seit dem Erfolg von Telltales “The Walking Dead” populär sind. Jede Entscheidung, die ich treffe, ist ein Klick zum nächsten Twitter-Account. Manchmal bieten diese eine weitere Entscheidung an, auf vielen findet die erzählte Geschichte ihr jähes Ende.

Zur Wahl stehen immer je zwei Entscheidungen: Fliehe ich oder verstecke ich mich? Soll ich Kämpfen oder aufgeben? Rufe ich um Hilfe rufen oder warte ich lieber ab? Die Entscheidungen sind einerseits sehr eindeutig formuliert und haben doch immer unvorhersehbaren Konsequenzen. “They’ve all gone” kommentiert eine der Twitter-Seiten sarkastisch meinen Tod. Ein Satz, der mir kurz zuvor noch versicherte, dass “sie” alle verschwunden seien. Aber scheinbar waren mit “Ihnen” nicht meine Verfolger gemeint, sondern ich selbst.

“The Wanderer” nutzt die Limitierungen in der Zeichenlänge von Twitter als Stärke. Die Sätze beschreiben die Szene meistens nur vage. Umso düsterer ist die Atmosphäre, die die wenigen Textzeilen vermitteln. Wie in einem Horror-Film sind ist das entscheidende Teil der, der sich nur im eigenen Kopf abspielt. Es hat Twitters 280 Millionen User_innen als potentielle Zielgruppe und kann nahezu überall gespielt werden – ob auf dem Smartphone oder im Webbrowser. Spielende müssen nicht zum Spiel kommen, das Spiel kam einfach dahin wo sie schon waren.

Die Bildersuche auf Google offenbart mit ein paar Klicks noch eine weitere Ebene. Bei den Avatar-Bildern handelt es sich um Motive von Tarot-Karten, deren Bedeutung sich vermutlich den wenigsten Menschen direkt erschließen wird. Als ich mich an einem Punkt der Geschichte entscheide, vor Entsetzen zu Wimmern, bin ich “The Fool“, der Narr. Wehre ich mich an diesem Punkt dagegen aufzugeben, gelange ich in einer Schleife und lande immer wieder beim dem selben wimmernden Narr. Gebe ich hingegen endlich doch auf, wird mir der gewünschte Tod nicht gewährt. Das Spiel hat mich tatsächlich genarrt.

“The Wanderer” ist ein Hack, eine völlige Zweckentfremdung der sozialen Plattform Twitter. Sie ist allerdings eher eine pragmatische als zu einer elegante Verknüpfung der Geschichte. Motive von Tarot-Karten und düstere Halbsätze stehen im Kontrast zu der kommerzialisierten Webseite, auf der es aufbaut. Neben der Beschreibung meines blutigen Todes stehen Follow-Empfehlungen für Batman und trendende Hashtags zu “Ich bin ein Star, holt mich hier raus”. Doch irgendwie passt dazu auch, dass das ganze eine Art virale Werbung für das als Inspiration dienende Buch ist.

“The Wanderer” ist aber auch ein Spiel an einem gänzlich unerwarteten Ort und eine Geschichte, die nur in ihrer Nichtlinearität funktioniert. Es ist eben alles eine Frage von Kontext und Perspektive.

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