Kritik statt Reviews

Es ist spät am Abend, als ich Tevis Thompsons “Game Review Drabbles” entdecke; eine Reihe von kurzen Spiele-Reviews, jeder genau 100 Worte lang und mit einer Zahl als Wertung versehen. Es ist ein simples Konzept, das mich den ganzen Abend nicht mehr los lässt. Ich stimme mit vielen der Meinungen nicht überein – teilweise widerspreche ich ihnen sogar grundlegend. Trotzdem – oder gerade deshalb – waren die kompromisslosen, teilweise unbarmherzigen Kommentare, pointiert und klar formuliert, das spannendste, was ich seit langem gelesen habe. Und sie machen mir klar, was mich schon eine Weile an der Videospielkritik stört: Es gibt zu viel Einigkeit.

Abseits von Shitstorms, die wohl nicht als Diskussion zu zählen sind, gibt kaum laut geführte Diskussionen. Es gibt keine starken, gegenläufigen Positionen, um die interessiert, engagiert, konstruktiv gestritten wird. Selbst bei Spielen, zu denen die Meinungen ein wenig weiter auseinandergehen als sonst, kreisen sie doch eher um die vorherrschende Einigkeit. Besonders bei den großen Magazinen fehlt die Courage, deutlich aus der Masse hervorzustechen.

Heute gibt es eine Bandbreite von bombastisch inszenierten AAA-Spektakeln, über eine große Szene an Spielen von Indie-Studios bis hin zu winzigen, obskuren, experimentellen Spielen. Es gibt Early Access und MMORPGs, Onlinedistribution, Free to Play und DLC. Das Korsett des Reviews ist über die letzten zehn Jahre zu eng geworden. Diese Probleme lassen sich inzwischen nicht mehr verbergen und dass Wertungen im Nachhinein angepasst werden müssen ist keine Seltenheit mehr. Einige Magazine versuchen die Strukturen des Reviews aufzubrechen. Polygon etwa führt vorläufige Reviews ein, Eurogamer schafft die Wertungs-Scores ganz ab.

Wertungen und die Bedeutung die ihnen zugesprochen wird sind vielleicht ein Teil des Problems. Metacricit wird oft die Schuld daran gegeben, aber auch dort wird letztendlich nur ein Bedürfnis des Publikums nach eben dieser Messung von Qualität befriedigt. Unter Carolyn Petits Review von Grand Theft Auto V etwa sammelten sich toxische Kommentare über vermeintlich zu niedrige Wertungen, über die zu subjektive Bewertung des Spiels. Es war das Gegenteil einer Diskussion, es war die Forderung nach dem Konsens und das Unterdrücken von Kritik.

Die selbsternannte Konsumenten-Bewegung GamerGate entwarf eine vermeintliche Utopie der “Objektivität”. Das was Videospiele als Medium, als Kunstform und auch als kreative Industrie brauchen ist aber das Gegenteil: Eine offenere, kritischere Auseinandersetzung. Was bei dem schnellen Einführen von Leitfäden zur Transparenz ausblieb war eine Positionierung zu den Inhalten selbst. Videospielkritik braucht mehr, diversere und unabhängigere Stimmen und die großen Magazine und Webseiten haben die Aufgabe diesen ihre Aufmerksamkeit zu leihen. Die Bewegung, die gerade in das Konzept “Review” kommt, kann nur ein Anfang sein. Die Zahlen, die unter den Reviews stehen sind bei weitem nicht das einzige Problem.

Was fehlt ist mehr Mut, mehr Persönlichkeit, mehr Subjektivität und mehr positive Streitlust. Ich wünsche mir Reviews, die Entwickler_innen ebenso wie Spielende und andere Kritiker_innen herausfordern und ich wünsche mir Plattformen, die diese Form des Diskurses fördern, statt Hasskommentaren Platz einzuräumen. Texte, Kritiken und Besprechungen, die einzigartige Perspektiven auf Spiele werfen und sich nicht nur in der Wortwahl unterscheiden. Die Diskussionen anregen, die über die Nachkommastelle der Wertung hinausgehen und die eine klare Meinung vertreten, die über den Spielspaß und die Grafik hinausgeht.

Oder um es mit den Worten Tevis Thompson zu sagen: “Reviews sind eine Reaktion. Das hier ist meine.”

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