Preisleistungsgesellschaft

Ich könnte an dieser Stelle mit einem Witz einsteigen. ”Auf die Länge kommt es an” zum Beispiel. Manch Leser_in würde über diesen pubertären Witz vielleicht kurz kichern, nur um dann den Kopf zu schütteln. Natürlich kommt es nicht nur auf die Länge an. Und doch dreht sich schon vor seiner Veröffentlichung alles um die Länge von The Order: 1886, nachdem ein Video seinen Weg ins Internet gefunden hat, das demonstrierte, dass es nur etwa fünf Stunden Spielzeit bieten soll..

Fünf Stunden ist keine unübliche Länge für ein Spiel. The Order: 1886 allerdings ist ein Spiel, das 70 Euro kostet. Fünf Stunden sind in diesem Fall wenig, lautet die einhellige Meinung. Und so schien aus The Order: 1886 ein weiterer AAA-Shooter zu werden, dem der eigene Hype unter den Füßen wegbricht, während in den Editorials die Diskussion um den Preis und Wert von Videospielen neu eröffnet wird. Dabei werden mehrere Themen vermischt, die besser für sich genommen betrachtet werden sollten.

Zum einen sind Videospiele teuer. Dass in den letzten Jahren große und kleine Indiegames einen Markt um die Preismarke von 20 Euro geschaffen haben zeigt nur umso deutlicher, wie weit die alten Publisher von der Realität entfernt sind und nach wie vor einen hohen Preis vorgeben. Allein die Konsolen und Gaming-PCs, die der neueste Bombast benötigt, kosten schon mehrere hundert Euro und das ist noch bevor das Spiel seinen Weg in den Haushalt findet.

Preise von 50 Euro und mehr für ein einziges Videospiel sind wohl für die wenigsten Menschen ein spontaner Kauf, sondern eine Investition. Wer so eine Investition für ein Hobby tätigt, verspürt womöglich den Drang, diese Entscheidung vor sich selbst zu rechtfertigen. Und die einzige Metrik die zur Verfügung steht ist eben die Aufrechnung der Spieldauer. Oft wird der Vergleich mit anderen Medien gebracht: Ein Kinobesuch für 15 Euro bringt zwei Stunden Vergnügen, ein Videospiel für 60 Euro eben 20 Stunden. Und so wird das auf den Unterhaltungswert heruntergebrochene Preisleistungsverhältnis zum entscheidenden Qualitätsmerkmal.

Ein anderes Problem ist, dass viele Spiele zu lang sind und von vielen Spielenden nicht einmal beendet werden. Auch hier gibt es einen gegenläufigen Trend: Der Wunsch nach kürzeren Spielen. Dieser immer wieder geäußerte Wunsch hat seinen Ursprung in der Demografie des Publikums: Viele der mit Spielen groß gewordenen Kinder sind inzwischen erwachsen und können ihnen keine ganzen Nachmittage mehr widmen. Gespielt wird dann eben nach dem Feierabend oder wenn die Kinder im Bett sind. Ich erinnere mich, dass ich in meiner Schulzeit eine Spieldauer unter 20 Stunden für zu kurz hielt. Wenn ich mir heute ein Spiel kaufe, schaue ich vorher auf gamelengths.com oder howlongtobeat.com nach, ob ich es unter 12 Stunden beenden kann – oder ob ich es mir lieber doch nicht kaufe.

Beide Probleme prallen in der Diskussion um The Order: 1886 aufeinander. Das Niveau beschränkt sich dabei größtenteils darauf, was besser oder schlechter und welches Preis-Leistungs-Verhältnis für Spiele angemessen ist. Was ich nirgendwo las war der Wunsch nach Spielen, die genau die richtige Länge haben. Spiele, die ihre Idee umsetzen und sich die Zeit nehmen, aber nicht unnötig gestreckt werden, um mehr “Unterhaltungswert” zu bieten. Wer etwa nach zwei Stunden Gone Home durchgespielt hat, wird wohl kaum die Investition bereuen und sich eher über das stimmige Ende freuen. Einer der größten Kritikpunkte am zwanzig Stunden langen Alien: Isolation war hingegen, dass es unnötig in die Länge gezogen wirkte. Dabei hatte letzteres rein rechnerisch trotz des höheren Preises das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis.

Der Vergleich mit dem Kinobesuch wird zwar gerne benutzt, um aufzuzeigen, dass teure Spiele eine lohnende Investition sind. Allerdings habe ich noch nie gehört, dass jemand nur Filme im Kino ansieht, die mindestens drei Stunden lang sind. Was in der Diskussion durchscheint ist weniger die Empörung über die zu hohe finanzielle Einstiegshürde aufwändig produzierter Videospiele, sondern die geringe Wertschätzung für das Medium als solches. Für viele sind Videospiele scheinbar doch immer noch vor allem ein Produkt. Den Verkaufszahlen von The Order: 1886 haben die mittelmäßigen Wertungen und die Diskussion um die Spieldauer jedenfalls nicht geschadet. Titel wie The Order: 1886 sind Luxusgüter und wie solche werden sie auch produziert und verkauft. Und wer sie sich leisten kann, kauft sie.

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