Cordial Minuet

Von „Cordial Minuet“ haben viele vermutlich noch nichts gehört. Das könnte daran liegen, dass Gamedesigner Jason Rohrer sein neues Werk bisher im Verborgenen hielt. Es ist ein Online-Glücksspiel voller satanistischer Symbole, das erst seit einigen Tagen frei verfügbar ist. Rohrers frühere Titel wie „Passage“, „Sleep is Death“ oder „The Castle Doctrine“ waren weniger daran interessiert, unterhaltsame Games zu sein, als viel mehr durch ihre Spielmechanik das menschliche Verhalten zu erkunden. Das ist auch bei seinem mittlerweile elften Werk „Cordial Minuet“ nicht anders, das mindestens genauso sehr Experiment und Performance wie ein Spiel ist. Ein Online-Strategiespiel, in dem es um echtes Geld geht, um genau zu sein.

Der Entwickler versichert, „Cordial Minuet“ sei legal. Vermutlich bewegt es sich aber eher in einer ominösen Grauzone, die besser nicht so genau hinterfragt wird. Mit diesem zwielichtigen Charme kokettiert Rohrer: „Cordial Minuet“ präsentiert sich als dubioses Glücksspiel, das in dunklen Hinterzimmern stattfindet. Die Webseite scheint ihren wahren Zweck mit esoterischen Phrasen und satanistischen Symbolen verschleiern zu wollen. Über Monate erhielten nur diejenigen Zugang zur Webseite, die das geheime Passwort kannten. Ihnen eröffnete sich ein Forum, dessen archaisches Design eher an das Darknet erinnert als an die Community eines Online-Games. Das Spieldesign ist voll von unterschiedlichen Symboliken, die die konspirative Atmosphäre unterstreichen sollen: Breite Pinselstriche auf zerknittertem Papier, bedeutungsschwer italienisch beschriftete Achsen („l’abisso“ — der Abgrund und „il mondo“ — die Welt) und hebräische Buchstaben umgeben das Spielfeld.

Das Spielprinzip ist simpel, wenn auch nicht ganz intuitiv: Auf dem 6×6 Felder großen Spielbrett sind Zahlen verteilt. In jeder Runde markieren die Spieler jeweils zwei Spalten, eine für sich und eine für den Gegner. Aus den Zahlen, auf denen sich die Balken überschneiden, errechnet sich die Punktzahl. In den ersten Runden „Cordial Minuet“ wirkt das Ergebnis noch völlig willkürlich, aber mit der Zeit erschließt sich das System und die Entscheidungen werden überlegter. Zwar macht das Spiel die Verteilung der Chancen immer mit einem Diagramm transparent, aber die Entscheidung, ob ich einen Einsatz mitgehe, muss ich immer noch selbst treffen.

Der Reiz von „Cordial Minuet“ liegt aber vor allem darin, dass um echtes Geld gezockt wird. Erst wenn ich mich traue, dem nicht gerade vertrauenswürdig wirkenden Stück Software meine vollständigen Kreditkartendaten anzuvertrauen, wird mir der Zugang zum Spiel gewährt. Der Mindesteinsatz beträgt einen Cent und die meisten Partien drehen sich um Beträge, die nicht viel höher sind. Trotz dieser geringen Fallhöhe fühlt sich jede Runde an, als würde ich etwas Verbotenes tun. Selbst wenn es nur um lächerliche Cent-Beträge geht, zittere, bluffe, pokere ich doch jedes Mal eine halbe Stunde lang wie gebannt. Nach einem Dutzend Partien beginnen die Hemmungen zu verschwinden, die Einsätze erhöhen sich. Denn obwohl das Kaufen virtueller Güter in sogenannten „Free to Play“-Spielen mittlerweile Normalität ist, haftet dem Spiel um Geld doch immer noch etwas Schmuddeliges an.

Kaum jemand hat bisher mehr als ein paar Dollar gewonnen oder verloren, auf regelmäßig aktualisierten Bestenlisten lässt sich das nachvollziehen. Eine große Ausnahme ist der College-Student Nate Danziger: Er machte über 6000 Dollar Gewinn, den Großteil davon in Partien gegen Cayce Ullman, der seinerseits mit Startups wie Plex genug Geld verdient hat, um den Verlust verschmerzen zu können. Weil die Spieler-Pseudonyme automatisch vergeben werden, fanden die beiden erst im Forum heraus, wer der jeweils andere wirklich ist. Und Ullman gab zu, absichtlich schlecht gespielt zu haben — als Experiment.

Es sind Geschichten wie diese, die „Cordial Minuet“ interessanter erscheinen lassen, als es letztendlich ist. Es sind die Geheimnistuerei, die falschen Namen und anonymen Partien, das Abwägen zwischen Wahrscheinlichkeit und Risiko und das elitäre Gefühl, einer kleinen Community anzugehören. Durch die begrenzte Spielerzahl dauerte es zu Anfang teilweise Stunden, bis eine Partie begann und während des Wartens stellte sich ein leichter Entzug ein. Dieses ständige Spiel mit dem Ungewissen erzeugt die Illusion, es würde sich um etwas Gefährliches oder Verbotenes handeln. Dabei zocken hier bloß zwei Menschen eine halbe Stunde lang in einem Computerspiel um ihr Kleingeld.

Dieser Beitrag ist ursprünglich bei Wired GERMANY erschienen.

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