The Games They Are A-Changin’

Die Kultur um Videospiele verändert sich. Im letzten Jahr eskalierte eine schon lange geführte Debatte um die Frage, was Politik in Videospielen zu suchen hat: Kritik wird mit Begriffen wie “Social Justice Warrior” diskreditiert, lächerlich gemacht und abgetan und Kritiker_innen direkt angegriffen. Das passiert, wenn die bisher dominierenden Vertreter einer Kultur infrage gestellt werden. Und genau das erleben wir gerade in der Videospieleszene, in einer Kultur die uns umgibt, und die wir zu verändern versuchen. Oder zumindest versuchen, einen Umgang zu finden, der möglichst frei von Diskriminierung jedweder Art ist und verschiedene Menschen und Lebensrealitäten abbildet.

http://drpockets.deviantart.com/
http://drpockets.deviantart.com/

Auch abgesehen von den immer noch unglaublichen Hassattacken ist der elitäre Umgang miteinander toxisch und schädlich. Ich habe mich nie – und damit bin ich nicht alleine – einer „GamingSzene“ zugehörig gefühlt oder  wäre als jemand, die schon immer gespielt hat, niemals auf die Idee gekommen mich „Gamerin“ zu nennen. Ich habe genug von Gesprächen, in denen angezweifelt wird, dass ich Monkey Island jemals gespielt haben kann, weil ich den Namen des sprechenden Totenkopfes nicht auf Anhieb zuordnen konnte. Dieses Meme eines Fake-Gamer Girls, das nur so tut, als habe es Ahnung von oder Interesse an Spielen um irgendwie cool und quirky zu wirken, come on!
Aber diese Kultur verändert sich und das Bild des weißen, jugendlichen Kellergamers zwischen Pizzakartons und Energydrinks, die eben nicht nur vom bösen Fernsehen gezeichnet wird, sondern sehr gerne von Gamern selber zelebriert wird, ist längst nicht mehr das einzige und bestimmende Bild einer sehr bunten und lebendigen Szene. Videospiele als Kulturtechnik bilden einerseits eine Realität ab und schaffen andererseits selber Realität. Die Realität ist: Videospiele waren nie weiß, männlich, hetero. Im Gegenteil: schon immer war die Masse der Menschen, die Videospiele spielen sehr divers – Frauen, People of Color und LGBTQ-People wurden nur nie als Zielgruppe angesehen. All diese „Anderen“ sind aber nun selber in der Lage mitzugestalten. Die technischen Zugangshürden sind kleiner geworden, neue Genres bieten unterschiedliche Zugänge und das Internet ermöglicht eine Vernetzung untereinander.

Wenn diese Menschen heute Spiele machen und sich über den Akt des Spielens hinaus damit beschäftigen, kommen Perspektiven hinzu, die Spiele bereichern und verändern. Auf diese Veränderung folgt die wiederholte Forderung, Politik aus Spielen herauszulassen: Spiele sollen Spaß machen, zu viel Politik macht Spiele kaputt! Aber lässt sich Politik in Spielen überhaupt vermeiden, wenn sich selbst Tetris politisch lesen lässt?

Ein klassischer First Person Shooter braucht Gegner: Wir können Krieg gegen die Wildnis führen, gegen Zombies, Aliens, gegen “den Russen” oder arabische Terroristen. Die Frage, wer der Böse ist, ist hochpolitisch und wird sehr häufig durch Rassismus beantwortet. Das gilt ebenso für die unendlich oft durchgekaute Frage, wie Frauen in Spielen dargestellt werden. Haben sie Agency? Sind sie tatsächlich handlungsfähig oder passive Opfer – wenn sie überhaupt vorkommen?

Die Antwort ist also ein deutliches Nein: Alles was wir tun ist mit Politik durchzogen, Politik aus den Spielen herauszulassen ist unmöglich. Aber warum wird dann manchen Spielen, beziehungsweise deren Entwickler_innen oder Menschen, die Dinge, die über Punktebewertungen hinausgehen thematisieren, vorgeworfen, mit ihrer Politik „Spiele kaputtzumachen“? Felix Kramer erstellte auf diese Frage eine unvollständige, leicht polemische, aber sehr treffende Liste von Personen, die Spiele „zerstören“:

Entwickler_innen von Spielen über “Gefühle” und “Walking Simulatoren”, Leute die über Spiele schreiben, Leute die Pixel Art mögen, Feministinnen, “Casual Gamer”, Leute die daran arbeiten Spiele für solche mit Behinderungen zugänglicher zu machen (das ist nicht mal ein Witz), gute Autor_innen, Minderheiten und viele, viele mehr…

Der Unterschied, ob wir politische Themen offensichtlich setzen, eventuell um etwas damit zu erreichen, oder ob sie sich einschleichen, weil wir immer aus unserer Perspektive, mit unseren Erfahrungen und Haltungen handeln und dies immer mit einbringen, ist natürlich in der Herangehensweise groß, im Ergebnis aber weniger. Politik ist in unseren Handlungen, in der Art wie wir Spiele wahrnehmen und natürlich auch in den Spielen selber. Politik kann sich sehr explizit zeigen: “Das ist klar politisch, das hat vielleicht sogar eine Agenda.” Aber viel häufiger ist sie implizit, durch Perspektive, Designentscheidungen und die Frage, wer wie in meinen Spielen repräsentiert wird.

Es sind manchmal größere, aber häufig kleine Dinge, die einen Unterschied machen, Menschen zu repräsentieren und ihre Leben und Politiken mitgedacht zu sehen. Im letzten Jahr haben einige Leute, die Spiele lieben, sich zurückgezogen, weil der Preis zu hoch geworden ist. Es gibt aber auch die Menschen, die trotzdem weitermachen: Frauen, People of Color und queere Menschen, Enbies und deren Allies, all die bösen Social Justice Warrior, die Spiele entwickeln und über diese Spiele schreiben, Veranstaltungen organisieren und diese ganze andere Arbeit machen, die rund um Spiele anfällt – die nicht bereit sind das aufzugeben.

Wir müssen eine Kultur leben, die diese Menschen schützt, verteidigt und vor allem immer weiter machen. Es wäre zu schmerzhaft hinter das bis hierher erreichte, das so viel Gegenwehr hervorruft, wieder zurückfallen. Dieses Gefühl, das Repräsentation marginalisierter Gruppen und Thematisierung von bestimmten Lebensumständen in den Betroffenen auslösen können, das ist mehr wert, als der Erhalt des Status Quo. Und auch hier sind es manchmal Kleinigkeiten. Wenn ein Spiel dich nicht anspricht, dann ist das egal. Das ist nicht für dich. Und das ist okay. Dann schweige, solidarisch, um dich nicht mit dem Hass gemein zu machen. Es ist manchmal wirklich so einfach.


Am 5. Mai hielt ich einen Vortrag über Politik und Gesellschaftskritik in Videospielen auf der 9. re:publica in Berlin. Ich warf einen Blick darauf, ob Politik in Spielen überhaupt vermeidbar ist, wessen Politiken angegriffen werden und wem vorgeworfen wird, Videospiele kaputt zu machen. Ein weiterer Beitrag mit den im Vortrag vorgestellten Spielen folgt nächste Woche an dieser Stelle.

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