Beyond Eyes

In Beyond Eyes begleiten Spielende eine ungewöhnliche Heldin auf einem ungewöhnlichen Abenteuer. Dabei klingt die Geschichte eigentlich gar nicht besonders aufregend: Die zehnjährige Rae macht sich auf die Suche nach dem Kater Nani und verlässt dabei den sicheren, umzäunten Garten und wandert durch Felder und Straßen, bis sie Nani endlich gefunden hat. Was die Geschichte zumindest für ein Videospiel ungewöhnlich macht ist dass Rae blind ist.

Es ist eine ungewöhnliche Hauptfigur für ein so visuelles Medium wie das Videospiel, in dem meistens detaillierte Grafik und Reaktionsgeschwindigkeit im Mittelpunkt stehen. Beyond Eyes ist das Gegenteil davon, es ist ruhig, langsam und zurückhaltend. Raes Geschichte wird im Stil der Aquarel-Zeichnungen eines Bilderbuches erzählt. Zu Beginn eines jeden Kapitels befindet sie sich in einem großen weißen Nichts, auf einer noch leeren Seite. Lediglich einige Geräuschquellen in der Ferne, etwa der zwitschernde Vogel im Baum oder der läutende Kirchturm, offenbaren was dort noch alles liegen könnte. Erst sobald Rae beginnt durch das Weiß zu gehen, offenbart sich ihr die Welt. Wände werden ertastet, Blumen gerochen und Bereiche, in denen sie bereits war, bleiben für eine gewisse Zeit in ihrem Gedächtnis, bevor die Details langsam wieder verschwimmen.

Beyond Eyes führt Spielende aber auch gerne in die Irre. Ein Klicken in der Ferne erscheint Rae zunächst als Specht, da sie dieses Geräusch bereits aus ihrem Garten kennt. Aus der Nähe entpuppt sich das Geräusch allerdings als das Klicken einer Ampel. Der donnernde Automotor? Nur ein Rasenmäher. Und der wütend bellende Hund? Der hat es in Wirklichkeit nicht auf Rae, sondern auf ein paar Enten abgesehen. Rae reagiert gerade bei bedrohlich wirkendem Lärm deutlich auf ihre Umgebung. Ein plötzlich aufgeschreckter Schwarm Krähen macht ihr sichtlich Angst, während die gackernden Hühner sie selbst zum Lachen bringen. Und verliert sich die Spur von Kater Nani zieht sie ihre zuvor noch neugierig ausgestreckten Arme traurig an den Körper.

Auch wenn Beyond Eyes einen blinden Charakter in den Mittelpunkt stellt, nimmt es sich nicht heraus, Blindheit simulieren zu wollen. Es ist nicht mehr als eine Eigenschaft von Rae, die sie und ihre Geschichte aber nicht alleine definiert. Rae wird weder als hilflos dargestellt, noch überkompensiert das Spiel mit irgendwelchen Superkräften. Rae kann vielleicht nicht sehen, aber sie ist trotzdem in erster Linie eine neugierige Zehnjährige.

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Nach knappen zwei Stunden endet Raes Suche nach Nani. Dass es so weit gekommen ist, war nicht immer selbstverständlich. Eine Crowdfunding-Kampagne bei Indiegogo erreichte 2013 gerade einmal die Hälfte des erhofften Betrages. Dennoch machte die aus den Niederlanden kommende Entwicklerin Sherida Halatoe weiter, fand einen Publisher und schaffte es mit ihrem Spiel letztendlich sogar auf die große Bühnen von Microsofts Präsentation auf der Spielemesse E3, wo der Trailer zwischen großen Spektakeln wie Halo und Tomb Raider lief.

Beyond Eyes ist ein ebenso schönes wie einfallsreiches Erlebnis. Zum Schluss gibt das Spiel noch eine Botschaft mit auf den Weg: Erkundet die Welt, wagt euch über die Grenzen von dem was ihr kennt hinaus, seid neugierig und schaut genauer hin. Aber verlasst euch nicht nur auf das, was ihr mit euren Augen sehen könnt. Denn viele Dinge sind nicht das, was sie auf den ersten Blick scheinen und was unsere Erwartungen aus ihnen machen. So wie der Garten, in dem das Spiel begann, nur zu Beginn unendlich groß wirkte und bei genauer Betrachtung doch ein goldener Käfig war.


Beyond Eyes kostet 12,99€ und ist für Windows, Mac und Linux sowie auf der Xbox One erhältlich.

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