Kunstraum für Spiele

Mit dem tinypalace will ein Kollektiv aus dem Umfeld der Kunsthochschule in Kassel ein alternatives Videospielfestival auf die Beine stellen. Zur Erweiterung des Programms läuft momentan eine Crowdfunding-Kampagne. Wir haben mit Nicole vom “tiny collective”, das hinter der Organisation des tinypalace steckt, über das Festival gesprochen.


Es gibt in Deutschland bereits einige Orte und Veranstaltungen für alternative Gameskultur. Wo seht ihr euch zwischen Events wie A MAZE, Notgames oder Play und festen Ausstellungen wie dem Game Science Center und Computerspielemuseum?

Viele aus unserem Kollektiv haben einen Kunsthintergrund und wir verstehen den Ausstellungsteil von tinypalace als kuratieren (“Kunst”-)Raum, allerdings nicht hochkulturell wie etwa ein Museum oder traditionellere Kunstgalerien.

Wir haben das Gefühl, dass bei vielen Festivals die Games wie auf einer Messe ausgestellt werden, ohne sich wirklich Gedanken über Räumlichkeit, Präsentationsform und Auswahl zu machen. Da wollen wir neue Ansätze ausprobieren und entwickeln, auch im Bezug darauf einen Raum für Austausch zu schaffen.

Es ist erstmal ein Experiment. Wir haben zwar ein paar Gedanken dazu, ob und wie wir in Kassel und als Kollektiv weiter Veranstaltungen und Räume organisieren wollen, aber ein fester Space oder ein jährliches tinypalace ist bislang noch nicht geplant.

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Kannst du mir etwas mehr zum Hintergrund eures “tiny collective” sagen?

Unser Kollektiv besteht zum Großteil aus Menschen von der Kunsthoschule in Kassel. Wir beschäftigen uns mit und entwickeln selber einzeln schon seit langem Games. Es macht auch bei vielen von uns einen großen Teil des Studiums und der eigenen Arbeit aus.

Alle von uns haben verschiedene Hintergründe, was schwierig auf einen Punkt zu bringen ist. Ursprünglich hatten wir mal vor ein Manifest zu schreiben, wobei wir allerdings  gemerkt haben, dass unsere Arbeit am tinypalace viel besser unsere Gedanken zum Ausdruck bringt.

Ich glaube aber zusammenfassend sind wir einfach alle interessiert daran an der Kultur und Ästethik und Formen um Games herumzuschrauben, weil wir einfach viel drin involviert sind. tinypalace ist so ein bisschen ein Resultat davon.

Gibt es in Kassel bereits ähnliche Angebote?

Bislang gibt es in Kassel weder an der Kunsthochschule noch an der Universität einen Studiengang oder Bereich, der sich explizit mit Game-Design, Game Art oder Games an sich beschäftigt. Daher engagieren wir uns selber dafür, Veranstaltungen, Vorträge, Gamejams und Arbeitsseminare zu organisieren.

Unter anderem waren viele aus unserer Gruppe auch als Helfer*innnen beim Kasseler Spielsalon mit dabei, einem Festival für Videospiele, welches das letzte Mal vor etwas mehr als 2 Jahren hier in Kassel stattgefunden hat. Es wurde damals von einem Professor der Kunsthochschule initiiert und war das einzige was Games-bezogen von unserer Uni aus passiert ist.

Letztes Jahr haben wir dann erfahren, dass der Spielsalon nicht mehr fortgeführt werden soll und uns entschieden, selbst ein Festival zu organisieren. Zum einen um irgendwie eine Plattform in Kassel zu erhalten und nebenbei auch noch viele Sachen neu zu probieren, die wir selber am Spielsalon, welches eine eher Industrie-ausgerichtete Veranstaltung war, nicht so super fanden.

Was passiert, wenn eure Startnext-Kampagne nicht erfolgreich ist? Findet das Festival dennoch statt?

Das Festival wird in jedem Fall stattfinden. Wir haben uns glücklicherweise schon letztes Jahr etwas Funding sichern können, mit dem wir gerade Planen. Uns war es wichtig, das Festival frei von kommerziellen Sponsoren zu halten. Daher dachten wir, dass Crowdfunding eine coole Alternative wäre um trotzdem viele Speaker*innen einladen zu können.

Leider ist das bislang nicht so gut gelaufen wie wir gehofft hatten. Demnach wird unser Rahmenprogramm wohl kleiner oder zumindest anders ausfallen, als wir ursprünglich gedachten hatten – was nicht unbedingt schlecht sein muss, da unsere Arbeitsmethoden sowieso eher in eine Richtung gehen, die weniger auf finanziellen Erfolg und eine super-große Zielsetzung ausgerichtet sind.

Ihr benutzt Gender_Gaps in euren Texten, habt eine Safer Space Policy. Welche Rolle spielen Diversität und Inklusivität bei eurer Veranstaltungsplanung?

Bereits in unserem ursprünglichen “Manifest” waren Diversität und Inklusivität zwei der Hauptpunkte. Diese Fragestellungen sind einfach essentiell für uns. Wir sind nicht nur an der Form von Games an sich interessiert, sondern auch stark an der Kultur und den Bewegungen drumherum. Da ist es einfach notwendig sich Gedanken über Safer Spaces, über Repräsentation, über Bildlichkeit Gedanken zu machen. Wobei wir dort auch viele Dinge ausprobieren und neu lernen und diskutieren müssen.

Wie würdet ihr die Zielgruppe des eures Festivals beschreiben?

tinypalace soll eine Plattform sein, in der sich Menschen wiederfinden können, die sich sonst nicht in Games-Kreisen zurechtfinden können oder wollen – und auch da die Möglichkeit bieten solche Räume mitzugestalten. Es ist schwierig, einen Raum zu gestalten, der auf der einen Seite radikal, kritisch und fordernd ist, aber auf der anderen Seite dadurch auch nicht exklusiv wird und Themen, Ansätze oder eben Menschen ausschließt. Bei unserer Auswahl des Programms ist es daher wichtig, unsere Positionen zu vertreten, ohne dabei ausschließend oder urteilend zu werden. Alle sind eingeladen mitzudiskutieren, die in irgendeiner Weise an Games oder den Gedanken um tinypalace Interesse haben und sich auch kritisch damit auseinandersetzen wollen.

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Auch ist es für uns wichtig, bei der Art der Ausstellung auf Inklusivität zu achten. So versuchen wir zum Beispiel auf standardisierte Eingabegeräte und Steuerungen so weit wie möglich zu verzichten und etablierte Game-Symbolik und Sprache (z.B. “Alle wissen wie man einen Egoshooter steuert”) nicht unhinterfragt zu übernehmen. Der Workshop zu selbstgebauten Controllern von Darsha Hewitt ist ein gutes Beispiel dafür. Sie hat eine Do-It-Yourself-Herangehensweise und ihre Workshops richten sich auch an Menschen, die noch nicht so viel oder sogar keine Vorerfahrung mit Elektronik hatten. Der Workshop ist zum einen geeignet für Entwickler*innen, die sich speziell mit neuen Eingabemethoden beschäftigen wollen, aber auch für Menschen ohne Erfahrung in diesem Bereich, die einfach nur Lust haben was weirdes mit Knete und Krokodilklemmen zu basteln.

Videospielen scheint es schwer zu fallen, ihren Platz zwischen Kunst und Produkt zu finden. Was denkt ihr, was Videospiele von anderen Ausdrucksformen abhebt – falls ihr denkt, dass es so etwas gibt?

Ich denke auf diese Frage würde jede*r aus unserem Kollektiv eine andere Antwort geben. Wohl auch durch unseren Kunsthintergrund wissen wir, wie wenig Sinn es macht, ein Medium danach zu bewerten wie “künstlerisch” sie ist. Das ist ein schwammiger und vielleicht sogar absurder Begriff. Und gleichzeitig kann man etwas auch niemals den künstlerischen Wert absprechen. Klar sind Spiele Kunst, was nicht heißt dass sie dadurch eine andere oder “höhere” Stellung bekommen. Die Frage ist, was oder ob dort etwas Spannendes passiert.

Ich glaube für die meisten von uns sind Games so interessant weil sie zum einen – zumindest in den aktuellen Formen – noch recht unergründet sind und es viel Raum zum Ausprobieren und Entdecken gibt (und viel zu kritisieren und umzuwerfen). Zum anderen haben uns Games schon seit unserer Kindheit begleitet und üben auf alle von uns eine gewisse Faszination aus.

Wobei ich auch nochmal zum Schluss wichtig finde zu erwähnen, dass tinypalace ein großes Experiment ist. Fehler machen oder Scheitern ist vollkommen okay. Das ist auch ein Teil unserer Arbeitsweise. Vielleicht merken wir im Prozess, dass man Games gar nicht in so einer Form ausstellen kann, oder zumindest dass wir es nicht können. Und sicherlich werden wir viele unserer eigenen Sichtweisen und Herangehensweisen nach dem Festival überdenken und neu formen, aber das ist auch das coole daran. Schließlich geht es ja ums Umdenken und Diskutieren.

Ein Gedanke zu “Kunstraum für Spiele

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