Warum Pokémon GO erfolgreicher ist als Ingress

Pokémon GO ist ein weltweites Phänomen. Viele lieben es, andere bleiben eher skeptisch, manche hassen den Hype um die kleinen Hosentaschenmonster schon jetzt. Bisher scheint alles genau so zu sein, wie bei der Einführung von Pokémon Mitte der 90er.

Den technischen Grundstein legte das 2012 erschienene Ingress. Viele der Daten, die jetzt für Pokéstops und Arenen genutzt werden, wurden damals von den Spielern eingetragen. Entsprechend sind einige von ihnen enttäuscht, dass das Rampenlicht nun Pokémon GO gebührt. Wer den Erfolg aber allein dem Markennamen “Pokémon” zuschreibt, verkennt, was beide Spiele ausmacht.

Auf Twitter wird ein Meme-Bild herumgereicht, das verdeutlichen soll, warum Ingress den großen Erfolg verdient hätte. Es hat mehr Funktionen, ein komplexeres System und ist deshalb das bessere Spiel. Hier herrscht ein Stück weit Einigkeit: Pokémon GO ist kein herausragendes Spiel. Aber dass Augmented Reality nach anderen Regeln funktioniert, als klassische Games, davon zeugen die Millionen Menschen, die es innerhalb weniger Tage von der Couch auf die Straße gezogen hat.

Ingress war für seine Nische durchaus erfolgreich. Dass seine Zielgruppe nicht weiter wachsen konnte, lag aber ganz allein an Ingress selbst. Der größte Trugschluss liegt darin, die Pokémon seien ein bloßes Gimmick. In Wirklichkeit bereichern sie Ingress um etwas, das dem Spiel vorher fehlte: eine positive Botschaft.

Ingress macht Spieler zu Kämpfern in einem dystopischen Krieg. Doch keine der moralisch ambivalenten Fraktionen, weder die Technikfeinde noch die Esoteriker, bieten viel Identifikationsfläche. Die Welt von Pokémon ist das komplette Gegenteil. Sie ist eine bunte, pazifistische Utopie. Statt verfeindeten Fraktionen gibt Teams, die sich unter den Begriffen “Instikt”, “Weisheit” und “Heldenmut” versammeln. Statt abstrakter Alien-Portale und einer verworrenen Hintergrundgeschichte werden kleine, niedliche Monster gefangen.

Der große Unterschied lässt sich ganz einfach herunterbrechen: Ingress spielte man gegeneinander, Pokémon miteinander. Ja, es gibt auch in Pokémon Arenen zu erobern, aber die hier stattfindenden Kämpfe sind ein freundschaftlicher Wettstreit. Nach dem Kampf geben sich beide Trainer die Hand, wünschen sich viel Erfolg für die nächste Begegnung und fangen dann gemeinsam ein Traumato.

Menschen spielen nicht wegen der Mechaniken, sondern wegen dem, was durch sie vermittelt wird. Das Spiel ist immer nur ein Mittel zum Zweck und dieser Zweck ist bei Pokémon GO schlicht motivierender und zugänglicher.

Die Verbitterung der Early Adopters darüber, dass ein vermeintliches Kinderspiel wie Pokémon GO dem Konzept nun den endgültigen Durchbruch beschert, unterstreicht erneut das Problem von Ingress. Dass mit Pokémon eine etablierte Marke hinter dem Spielkonzept steht, hat dem Erfolg sicher geholfen. Die reduzierte Komplexität und der Verzicht auf eine düstere Story sind aber mindestens ebenso dafür verantwortlich.

Auch wenn einige Fans von Ingress das anderes sehen: Ein Spiel wie Pokémon GO hat es bisher noch nie gegeben. Und es gibt Millionen Menschen, die mir zustimmen.

7 Gedanken zu “Warum Pokémon GO erfolgreicher ist als Ingress

  1. sehr gut auf den Punkt gebracht! In einem Anderen Artikel kam zudem noch der Aspekt auf, dass Pokémon in uns einige alte “Urbedürfnisse” stillt (welche wir nicht mehr im heutigen Alltag stillen können). Das Besondere ist nun, dass wir diese in der realen Welt stillen können, anstatt auf dem heimischen Bildschirm.

    Schade, dass mein Handy zu alt ist, um Pokémon Go darauf zu spielen… Mal sehen, wie groß der Pokémon Hype noch ist, wenn ich mir ein neues Handy zugelegt habe und das Spiel zum ersten Mal in Angriff nehme, was sicherlich noch mindestens ein halbes Jahr andauern könnte…

  2. Das ist doch eher total naiv. Es geht einzig um Marke und Image. Die auslösenden Faktoren sind Pokemon und die massive Berichterstattung. Ersteres lässt die Masse aufhorchen, letzteres überzeugt dann Leute abseits der “Gaming”-Zielgruppe das auszuprobieren.

    Und der Korpsgeist (bezogen auf die Ingamefrakrionen) wird schlagartig einsetzen sobald es einen Chat/Messagefunktion gibt.

    Klar, hat das Ingress Szenario dieses Verhalten gestützt. Allerdings wissen 2/3 der Spieler eh nicht wodrum es eigentlich geht, für die Masse ist es Grün gg Blau. Jetzt halt Rot vs Gelb vs Blau…

    Ein anderer wichtiger Unterschied ist der direkte verfügbare Shop (der viel mehr p2w Features bietet als das Ingress Äquivalent). Damit werden Leute gelockt die eigentlich nur den Social-Media-Status wollen aber die weder Lust noch Zeit zum Spielen haben.

    Es sind beides schlichte, gerade zu dämlich simple Spiele, die mit niederen Belohnungsreizen funktionieren und das Potential haben das (zwischenmenschlich) Schlimmste aus den Leuten herauszukitzeln.
    Gruß

  3. Ich glaube nicht, dass die Team-“Feindschaft” wirklich groß wird. Abseits der Arenen können z.B. Lockmodule für alle beteiligten gleichermaßen genutzt werden. Nur ein Teil des Spiels ist auf Wettkampf ausgelegt.

    Abgesehen davon sehe ich noch keine “Pay to win” Items im Shop. Was es für echtes Geld zu kaufen gibt sind lediglich Gegenstände, die minimale Vorteile geben.

    Das zwischenmenschlich schlechte habe ich bisher auch noch nicht erlebt. Vielleicht wird sich ja alles ganz schlimm zu Rivalitäten entwickeln, vielleicht verlieren sehr bald viele wieder die Lust, vielleicht gewinnen bald nur noch diejenigen, die viel Geld ausgeben… momentan ist das alles noch nicht der Fall.

    Und solange bleibe ich lieber naiv und optimistisch. Denn bisher passiert hier etwas wirklich schönes.

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