Willkommen auf dem Seelenfriedhof

In der Welt von “Master Reboot” scheint der Tod überwunden: das Wesen von Menschen kann vollständig digitalisiert werden. In der “Soul Cloud” ist es den Lebenden möglich, mit den Toten in Kontakt zu treten. Was wir in der Haut unserer Spielfigur dort allerdings tun ist zunächst unklar – aber wir sind dort in jedem Fall nicht erwünscht.

Vom “Soul Village” aus können verschiedene Erinnerungen besucht werden. Diese sind aber keine authentischen Wiedergaben des tatsächlich geschehenen und erst recht keine verklärten Idealvorstellungen – es sind albtraumhaft verzerrte Abbilder verschiedener Lebensabschnitte. Sie sind ausgestorben, dunkel und neblig, teilweise bizarr proportioniert. Während ein Kinderzimmer riesengroß wird, ist der Urlaubsstrand ein wenige Quadratmeter großer Sandhaufen in einem endlosen Ozean. Und je unheimlicher die Umgebung, desto größer die Angst vor dem Sicherheitssystem Seren.exe, das die Verfolgung aufgenommen hat.

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Master Reboot lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen. Der Trailer erweckt den Eindruck eines Horrorgames, deutet sogar auf Actionszenen hin. Ich bin mir daher selbst nicht sicher, warum ich es überhaupt gespielt habe – Spiele wie Amnesia und Outlast faszinieren mich zwar, ich spiele sie aber ungern. Mit diesen vermeintlichen Vorbildern hat es aber wenig gemeinsam.

Tatsächlich ist Master Reboot sogar näher an Gone Home als an Amnesia. In den Levels sind Informationen versteckt, die die Geschichte langsam klarer werden lassen. Oft gibt es einfache Puzzles zu lösen, manchmal hakelige Geschicklichkeitspassagen zu meistern. Auf dem Spiel steht aber nie etwas, ein Sturz in einen Abgrund löst nur einen “Reboot” des Abschnitts aus.

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Master Reboot ist auch ein Gang durch Science Fiction und Popkultur. Es werden stellenweise so viele offensichtliche Zitate miteinander verwoben, dass sich die Vorlagen kaum noch klar voneinander trennen lassen. Ob Filme wie Tron, Matrix, Hackers oder Flatliners, ein wenig Myst und System Shock, Regengüsse im Neonlicht wie im Cyberpunk-Klischee, die unheimlichen Kinder, die von Shining bis FEAR ein beliebtes Motiv sind…

Eineseits wirkt das Design dadurch an manchen Stellen beliebig und undurchdacht, andererseits passt es zu den ungeordneten Erinnerungen, die wir uns erst Stückweise erschließen müssen. Die Erzählweise nutzt die Thematik und das Medium aus und entfaltet die Story fragmentarisch und nichtlinear. Anfangs noch unwichtig erscheinende Alltäglichkeiten werden Stück für Stück zu einem ganzen, wenn mehr Erinnerungfragmente dazukommen. Da die Reihenfolge der Spielabschnitte frei wählbar ist und viele Informationen für den Fortschritt nicht zwangsläufig gefunden werden müssen, kann das Finden von Antworten unterschiedliche Wege gehen.

Während sich die Handlung selbst als relativ gewöhnlicher Thriller herausstellt, werden die Motive dahinter interessanter. Die Soul Cloud digitalisierte menschliche Erinnerungen nicht nur, sie ermöglichte es auch, sich in ihr zu bewegen und den Körper hinter sich zu lassen – und so den Tod zu überwinden.

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Und manche begannen ganz in der Soul Cloud zu Leben, um vergangene Tage nicht loslassen zu müssen. Ewiges Leben, nicht für ein Morgen, sondern für ein Gestern. Das Soul Village wurde zu einem Ort des Eskapismus. Manche versuchten dann ihre Vergangenheit zu verändern, aber alles was wie bekamen, war die schmerzhafte Erkenntnis, dass sich die Vergangenheit auch in der Soul Cloud nicht ändern lässt.

Was bleibt also von Menschen, wenn sie sterben? Erinnerungen. Was passiert mit den Erinnerungen? Sie werden archiviert. Alle Erinnerungsfragmente, die im Spiel die Geschichte der Figuren erzählen, sind bereits digitalisierbar: Fotos, Emails, Chatprotokolle, Notizen. Die Soul Cloud gibt es bereits: Facebook, Instagram, Google. Unabhängig von den Menschen werden hier unendlich viele kleine Teile gesammelt, aus denen sich ein Gesamtbild erschließen lässt.

Der Bezug zu Facebook und anderen sozialen Netzwerken ist kaum zu übersehen. “Master Reboot” ließe sich ohne weiteres als unsubtile Technologiekritik lesen: Menschen verlieren sich in der digitalen Welt und vergessen darüber das, was in der realen Welt wichtig ist. In der Soul Cloud kam es zu einem Festplattencrash, der Menschenleben forderte – die als digitale Abbilder abhängig von der Technologie geworden sind.

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In der Realität würden bei einem Servercrash von Facebook wohl keine Menschen sterben, aber ihre Erinnerungen könnten trotzdem verschwinden. Ein gelöschter Account bei Google würde Emails und Chats, Fotos und Dokumente, Musik und Filme mitnehmen. Was auf den Servern im Internet über uns gespeichert wird – von uns selbst oder von anderen – sind ein Teil der Geschichte. Viele kleine Puzzleteile, die zusammen ein Bild des ganzen ergeben.

Die Frage, wie soziale Netzwerke mit dem Tod von Benutzer_innen umgehen, ist nicht neu, aber abschließend beantwortet ist sie noch nicht. Selbst wenn Facebook für immer relevant bleiben sollte, irgendwann wird es dort mehr tote als lebendige Menschen geben. Stirbt ein Mensch sind digitalen Spuren archiviert und als Erinnerung für immer zugänglich. Aber auch diese ständige Präsenz des Vergangenen kann nichts daran ändern, dass es eben Vergangenheit ist.

Diese Gedanken sehe ich in Master Reboot. Deutlich ambivalentere Gedanken, als eine vordergründige Kritik an sozialen Umgangsformen in Zeiten des Internets. Nach etwa drei Stunden endet das Spiel und lässt die Schicksale seiner Charaktere offen. Aber es bleibt auch die Möglichkeit, dass ihre Erinnerungen noch immer irgendwo gespeichert sind und nur darauf warten, erneut gelesen zu werden.

Willkommen in der Soul Cloud.

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