Rassismus ist nicht artsy

HighOnCliches bloggt über Anti-Opression, Selfcare, Feminismus, Medien, Politik und Videospiele. Der Artikel erscheint als Crosspost und erschien zuerst in ihrem* Blog.

Dieser Artikel enthält Spoiler. Dieser Artikel ist ragey und negativ und wer Bioshock Infinite liebt, soll sich am Ende nicht bei mir beschweren. Ich habe leider nur einen anderen Artikel zum Thema finden können, aber ich weiß mit Sicherheit, dass das Spiel vielfältig von Blogger*innen of Color kritisiert wurde. Wenn mich eins in die Richtung weiterverlinken könnte, wäre ich sehr dankbar. Fangen wir an.

Ich fand den ersten und zweiten Bioshock Teil sehr hübsch (womit ich die Stimmung des Spieles, aber auch den Rest meine) und freute mich auf den dritten Teil. Dass wir uns nicht mehr unterm Meer befinden, sondern über den Wolken schreckte mich nicht ab, obwohl es eine neue Stimmung hervorruft.

Rassismus, my old friend

Wir sind also mal wieder ein weißer Typ (ich dachte in den 40ern, scheint aber er sollte wesentlich jünger sein), der in die Himmelsstadt Columbia geschickt wird, um eine Schuld zu begleichen. Er bringt seinen Auftraggeber*innen ein Mädchen, sie tilgen seine Schuld, so der Deal.

Schon unmittelbar nach der Ankunft in Columbia wird klar, dass hier alles recht religiös zugeht – und weiß. Alle Leute in der betenden Menschengruppe, der wir begegnen, sind weiß. Das hätte eine erste unauffällige Kritik von Bioshock Infinite an der Gesellschaft in Columbia bzw. Videospielen allgemein sein können … wenn die vorherigen Teile nicht absolut unkritisch schneeweiß gewesen wären. Also kein Sternchen für dich, Infinite.

Während wir versuchen uns in der Stadt zurechtzufinden und die Mission voranzutreiben, wird ein erster Blick darauf gewährt, wie es hier läuft: Du gewinnst in einer Lotterie und dein Preis ist der erste Wurf. Auf was oder wen? Auf der Bühne vor dir werden eine Schwarze Frau und einer weißer Typ gefesselt zum Bühnenrand gefahren. Um sie herum gibt es kolonialrassistische Requisiten, die das Thema “jungle fever” tragen. Die beiden scheinen demnach gegen die gesellschaftlichen Regeln verstoßen zu haben, indem sie sich miteinander einließen. Nun musst du dich entscheiden, ob du tatsächlich den Ball auf die beiden wirfst oder auf den Ansager.

Ich kann nicht für die Schwarzen Spieler*innen sprechen, aber ich würde mich an der Stelle schon mal nicht eingeladen fühlen. Mit rassistischen Bildern konfrontiert werden, nur um einen Aussage über die rassistische weiße Gesellschaft der Stadt zu machen – das hätte man auch anders bewerkstelligen können. Warum es an sich daneben ist, zur Wahl zu stellen, ob man das Pärchen oder den Ansager bewirft, erklärt Daniel Golding hier (allgemein ein lesenswerter Artikel zum Spiel und seinen Ansprüchen).

Aber diese Szene ist nur der Beginn rassistischer Sprüche und Darstellungen. Im weiteren Verlauf des Spieles fällt ca. 4 Mal das N-Wort, ebenso “Schl**augen” und die rassistische Beleidigung amerikanischer Ureinwohner (in Worten, zu den Bildern komme ich gleich noch). Dies geschieht entweder, wenn über die nicht-weißen Aufständischen Vox Populi (latein. für “Stimme des Volkes”) gesprochen wird oder im Rahmen von geschichtsverzerrenden Darstellungen des Massakers bei Wounded Knee und des Boxeraufstandes (beides um die Wende zum 20. Jh. geschehen). Denn in diesem Spiel hagelt es nur so weiße religiöse rassistische Propaganda – die Propaganda an sich nichts Neues in den Bioshock-Spielen – und u.a. wird das deutlich gemacht in einer Ausstellung, die mit raumfassenden Installationen verzerrt, was damals wirklich geschehen ist. (Es handelt sich um reale Ereignisse der US-amerikanischen Geschichte.) Da gibt es rassistische Karikaturen von sowohl Chinesinnen als auch amerik. Ureinwohnerinnen – und die waren einfach nicht nötig. Ja, Propaganda funktioniert über, auch, rassistische Verzerrung der Gegnerinnen, aber wenn du den Anspruch hast so etwas zu kritisieren, solltest dudas auch tun. Die rassistischen Bilder noch einmal, aber schon ins Komisch-Groteske verzerrt, darzustellen, ist keine kritische Auseinandersetzung!

Das Spiel gibt dir nicht einmal eine Möglichkeit zu erfahren, was bei den Ereignissen wirklich geschehen ist, bietet also kein korrigierendes Gegengewicht zur Propaganda. Es wird lediglich enthüllt, dass andere weiße Typen da gekämpft haben, als die weißen Typen, die angeblich da gekämpft haben. Spannend. Aber das ist halt das Einzige, was dem Spiel wirklich wichtig ist, auch ‘ne Aussage.

Revolutionäre, die auf Comstock starren¹

Nun könnte man noch hoffen: Vielleicht hält die Vox Populi ja was sie verspricht. Vielleicht räumt sie mit dem weißen Establishment auf und klagt es seiner Sünden an. lacht erschöpft Ja, nein.

Als ich die Anführerin der Vox Populi kennenlernte, war ich freudig überrascht. Eine Schwarze junge Frau, die eine anti-kapitalistische, anti-rassistische Arbeiterrevolution anführt, das ist doch erstmal geil, oder? Tja. Je näher die Revolution rückt, desto mehr zweifeln die beiden weißen (!) Hauptfiguren, dass es die richtige Entscheidung war zeitweise mit der Vox Populi zu kooperieren (oder zumindest ähnlich vorzugehen – Polizisten abknallen). Die weibliche Hauptfigur ist zwar schockiert, wie schlecht es den armen Schwarzen im Armenviertel geht (Augenrollen), das man auch besucht, aber das mit der gewaltvollen Revolution, das ist doch dann auch irgendwie … übertrieben? Und schließlich kommen die beiden zu dem Ergebnis, dass die Vox Populi nicht besser ist als der vorherige weiße, kapitalistische Herrscher, der Rassentrennung aufrecht erhielt. Japp, absolut vergleichbar. Keine Frage.

Das Ganze gipfelt mehr oder weniger darin, dass die Anführerin (ist euch schon aufgefallen, dass ich mir schlecht Namen merke?) ein Kind umbringen will. Wow. Ich mein, WOW. Jetzt ist sie nicht nur “genauso schlimm” wie Comstock, sie ist auch noch eine gewissenlose Kindermörderin. Gefolgt wird das später von einer tränenreichen Nebenstory, wo ein weißer Typ aus der Armee, der ein Kind of Color für Informationen gefoltert hat, es dann bei sich aufnimmt. Can you spell w t f.

Als es dann übrigens dazu kommt, dass man nicht mehr nur weiße Polizisten, sondern auch Vox Populi abknallt, sind die auch mind. zur Hälfte weiß. Diesen Leuten sind Weiße so wichtig, dass sie überall sein müssen, AUCH IN DER NICHT-WEIẞEN REVOLUTIONSTRUPPE. Und als Sahnehäubchen: Durch einen geschichtlichen Twist wird die weiße männliche Hauptfigur dann zu einem Held der Vox Populi. I just can’t.

Einschätzung

Was, noch mehr? Ja noch mehr Einschätzung.

Nun ist das eine Spielreview, ich möchte aber nicht davon ablenken, dass es sich um einen rassistischen Scheißhaufen handelt, darum nur kurz die restlichen Fakten: Plasmide heißen jetzt anders, machen aber immer noch Spaß. Man kann nur noch 2 andere Waffen tragen (plus eine extra Waffe für den Nahkampf), Waffen liegen aber überall herum, also keine Knappheit (auf Schwierigkeit normal). Ich mag die besonders starken Gegner, leider keine Hintergrundstory zu ihnen. Die Szenerie ist einfach nur amazing animiert. Ich liebe den Songbird. Zum Finale hin gab es 3 sehr nervige Bugs. Die Hintergrundstory war nicht mehr so gut erzählt wie in den vorherigen Teilen, die Auflösung war mir zu new-age-mäßig, obwohl sie andern gefallen hat.

Ein großes Verständnis-Problem im Spiel an sich war für mich noch, dass ich nicht mit US-amerikanischer Geschichte (und der US-amerikanischen Kultur) erzogen wurde, sondern der deutschen. Wir werden zwar in US-amerikanischen Sendungen und Themen nur so mariniert (RW = Redewendung), aber dieses Spiel ist einfach zu sehr auf ein US-amerikanisches Publikum zugeschnitten, um für mich in der ganzen Storyline zu funktionieren. Der wiederholte Bezug auf die Gründerväter z.B. hat für mich keine emotionale Bedeutung.

Fazit: Nicht die gleiche coole Stimmung wie in den vorherigen Teilen. Eine Story, die ich weniger packend fand. 1000% mehr PoC als in den Vorgängern und es trotzdem verkackt. Ultra-rassistische “anti-rassistische” Storyline. 3/10.

1 Schlechter Witz. Tut mir Leid. Comstock ist der oberböse Anführer der Stadt.