Deinem Review gebe ich 37% von 5 Sternchen

tl;dr: Lasst euren zehnseitigen Würfel für die Bewertung am Ende eures Reviews stecken und habt die Lebenssituationen im Hinterkopf, die andere davon abhalten könnten, euer reviewtes Spiel zu kaufen.

Es kommen wohl täglich mehr Spiele raus, als ich Aufmerksamkeit zur Verfügung habe. Triple-A, Indie, kleine Flashgames, Brett- und Kartenspiele (die es mir auch seit langem angetan haben) noch dazu. Ain’t nobody got time for that. Reviews KÖNNEN dabei eine gute Unterstützung sein, sich zurecht zu finden. Wenn… ja, ich sage hier wenn. Mit einigen habe ich nämlich so meine Probleme. Vieles von dem was ich hier bemängele wird natürlich nicht in allen Reviews falsch gemacht, ich sehe es leider nicht oft genug, so dass ich etwas mehr Aufmerksamkeit darauf lenken möchte.

Scoring-Modelle

9/10, 73%, 5 Sternchen, 3+, oder wie auch immer. Ich stehe vor einer Zahl wie ein Ochse vor dem Berg und frage mich: „Was will uns der Künstler damit sagen?“.

Es macht für mich den Anschein, als wäre das Spiel eine Mathe-Klausur, in der ein objektives System zur Benotung zum Einsatz kam. Dabei sind Videospiele eher der Deutsch-Aufsatz, in dem ihr über eure Sommerferien berichten sollt. Es gibt einige Dinge die an Videospielen objektiv bewertet werden können. Läuft es flüssig auf der Hardware (für Konsolen/Handhelds/Apple-Geräte/etc. natürlich leichter zu beantworten als für PC und Android), zum Beispiel. So vieles ist jedoch schlicht und einfach subjektiv. Grafikstil, Setting, Leveldesign, etc.

Und am Ende stehen dann diese Werte am Ende des Artikels. Werte, die ich mit anderen vergleichen kann. Spiele miteinander zu vergleichen ist voll okay. Aber was fange ich an, mit der 8/10 für einen Puzzle Plattformer und der 7/10 für das Open World Rollenspiel? Und wenn ihr jetzt noch keine Kopfschmerzen habt: Was, wenn das Review für eines der Spiele bei einem anderen Magazin beispielsweise erschienen ist? Und es geht noch weiter: vergleicht mal 4 von 5 Sternen mit 79% oder einer Schulnote ! Innerhalb einer Quelle ist es schon schwer, mit den Bewertungen Vergleiche ziehen zu können. Spiele sind selbst innerhalb eines Genres zu ausdifferenziert, dass es nur in Einzelfällen funktionieren könnte. Und das alles wird mit unterschiedlichen Quellen und Bewertungssystemen noch schwerer. Wozu dann auf ein Gesamtwerk eine objektiv wirkende Wertung schmeissen? Ich denke das kann weg.

Welches Publikum hat die rezensierende Person im Blick?

Ein einfaches Beispiel: Hat das Spiel eine Einstellung für farbenblinde Spieler_Innen? Das kann unter Umständen die Wahl zwischen Spiel A oder B zu erleichtern. Selbst wenn Spiel A einen höheren Score als Spiel B erhalten hat, kann eine Person mit Rot-Grün-Sehschwäche Spiel A einfach nicht spielen. Weitere Beispiele sind Linkshänder_In-Modus und einstellbares Sichtfeld für First-Person-Spiele (einigen wird davon schlecht oder bekommen Kopfschmerzen). Und da Steam bisher nur in schweren Einzelfällen Geld zurückerstattet hat, sind einfach mal 50 € weg, bei einem Triple-A Titel. Der kleine Blick ins Einstellungen-Menü schadet definitiv nicht.

Behandelt das Spiel bestimmte Themen, so dass eine Triggerwarnung sinnvoll wäre?

Bei der Aussage, das Spiel liefe mit höchsten Grafikeinstellungen flüssig, würde ich gerne sehen auf welcher Hardware es getestet wurde. Muss ich dafür extra in neue Hardware investieren? Eine Anmerkung, dass der kleine Indie-Titel eigentlich auch auf einem Toaster flüssig laufen würde, ist ebenfalls für viele hilfreich.

Ist der Preis gerechtfertigt? Nicht alle haben genug Zeit für einen Titel mit 30 Stunden Spielzeit (wieviel davon ist Cutscene?), und würden statt der 50 € lieber 15 € für ein Spiel ausgeben, welches an einem verregneten Wochenende durchgespielt werden kann. Und auch ein Spiel, das vieles gut umsetzt und dir viel Spaß macht, kann überteuert sein.

Wie lässt sich das Ganze steuern? Ich meine, ich habe Hände die groß genug sind für einen XBox-Controller. Funktioniert das Ganze aber mit Maus und Tastatur ähnlich gut für Spieler_Innen mit eher kleinen Händen? Lässt sich die Tastenbelegung ändern, falls einige Tasten schwer zu erreichen sind? Auch hier könnte ich den Linkshänder_In-Modus wieder anführen.

Dass Reviews über Sportspiele eher von Leuten geschrieben werden, die viele Sportspiele spielen, wahrscheinlich auch die Titel der letzten 5 Jahre in der Serie, sollte klar sein. Das macht es teilweise schwer darüber zu schreiben, wie groß die Einstiegshürde ist und wie die Lernkurve aussieht. Genre-Unerfahrene auch mal an den Titel zu lassen und eine erste Meinung zu erfragen, ist sicher interessant für viele Spieler_Innen, die ebenfalls gerne mal über den Tellerrand sehen.

Und zum Schluss…

Können wir endlich aufhören so zu tun, als wären wir alle total objektiv und stattdessen einfach ausführen, wie wir zu unseren Urteilen über Videospiele kommen? Gebt eurem Publikum Raum für eigene Wertungen, statt diese am Ende selbst unveränderlich in Stein zu meißeln. Teilt mit, wo der Titel seine Hürden und Stolpersteine hat, auch wenn ihr diese ohne Probleme überwinden oder umfahren konntet.

Persönlich will ich (und wie mir andere herzteile-Autor_Innen erzählten, bin ich damit nicht allein) auch mehr darauf Acht geben.

2 Gedanken zu “Deinem Review gebe ich 37% von 5 Sternchen

  1. Ganz spannender Punkt mit der Accessibility. Das habe ich so nie wirklich berücksichtigt, werde zukünftig aber auch mal mehr drauf achten. Der Post wirft interessante Gedanken auf, was Bewertungen sein können, außer einer irgendwie genormten Skala für “Spielspaß”. Danke.

  2. Ich persönlich hab irgendwann angefangen, mich mehr auf die Kritiker selbst zu konzentrieren. Den Autor und seinen sonstigen Spielgeschmack zu kennen hilft mir immer sehr, zu beurteilen, was eine bestimmte Kritik für mich bedeuten könnte. Ob die Sachen, die sie/ihn stören, bei mir villeicht nicht so ins Gewicht fallen, die Einstellung zu bestimmten Genres, etc. Solange die Review gut geschrieben ist, ist es mir auch nict so wichtig, dass unsere Meinungen übereinstimmen.

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