Die Gewalt der Gamer

Den Entwurf für diesen Artikel gibt es eigentlich bereits seit Dezember letzten Jahres. Damals wurde Anita Sarkeesian wegen ihrer Videoserie „Tropes vs. Women in Video Games“ und Zoe Quinn für die Veröffentlichung ihres Spiels Depression Quest angegriffen. Neun Monate sind seitdem vergangen und alles scheint sich auf beängstigende Weise zu wiederholen. Und schließlich doch auch nur eine Wieder­holung des Shitstorms 2012, der irgendwie auch schon business as usual war.

Anita Sarkeesian hat das inzwischen fünfte Video ihrer vor zwei Jahren über Kickstarter finanzierten Videoserie über die Darstellung von Frauen in Video­spielen, Zoe Quinn ihr Spiel Depression Quest erneut veröffentlicht. Beides war Anlass dafür, dass beide erneut Beleidigung, Verleumdung und Drohungen ausgesetzt waren.

Wer sind eigentlich „Gamer“?

Videospiele sind kein Nischenmedium. Die Demographie der Spielenden ist bei weitem nicht so männlich dominiert, wie manchmal noch der Eindruck entsteht – tatsächlich machen volljährige Frauen* inzwischen sogar den größten Anteil aus. Warum sehen es also manche Mitglieder der Gamer Community einen Angriff darin, dass Frauen, PoC, Queeren und Trans*-Personen auch Raum für sich beanspruchen und reagieren so extrem ausgrenzend? Denn Angriffe wie die auf Quinn und Sarkeesian sind zwar nach wie vor schockierend – aber leider keine Überraschung.

„Gamer“ ist mittlerweile nicht mehr eine Bezeichnung für alle, die Videospiele spielen. Es ist zur Bezeichnung einer homogenen Gruppe geworden, die von Misogynie, Homophobie und Transphobie bestimmt wird. Dabei ist das, was diese Gruppe als bedrohliche Veränderung wahrnehmen, gar keine. Industrie und Presse interessieren sich lediglich nicht mehr ausschließlich für das Klischee des weißen Mittelschicht-Teenagers, der Call of Duty mag. Stattdessen wird langsam anerkannt, dass auch Frauen* immer schon Spiele gespielt und gemacht haben.

Und dennoch empfinden diese „Gamer“, ihnen würde etwas genommen, das ihnen zusteht: Aufmerksamkeit.

Ein konstruiertes Feindbild: „Social Justice Warriors“

Als Feindbild sind dabei die sogenannten „Social Justice Warriors“ entstanden. Ein Kampfbegriff für alle, die sich auch nur im Ansatz zu einer Form von Dis­kriminierung in der Spieleindustrie äußern. Ähnlich wie beim Wort „Gutmensch“ offenbart sich durch die Sprache das Menschenbild und die Denkweise derer, die diesen Kampf so grund­sätzlich ablehnen. Sie wollen keine soziale Gerechtigkeit (social justice) und niemanden, der sich dafür einsetzt. Sie wollen „ihre“ Spiele für sich allein behalten und mit niemandem teilen müssen. Vor allem wollen sie keine Kritik an diesen Spielen zulassen. Allein schon die bloße Anmerkung, ein Spiel würde etwa rassistische Darstellungen beinhalten, führt inzwischen zuverlässig zu wütenden Reaktionen.

Mittlerweile gleicht das genutzte Vokabular dem von Verschwörungstheorien und Kriegspropaganda. Der eigene Mangel an Fakten wird durch gezieltes Dis­kreditieren der Gegenseite verdeckt – hinter Formulierungen, die zwar leicht zu durchschauen sind, aber für jemanden, der an seine eigenen Zirkelschlüsse glaubt, durch kaum etwas zu widerlegen sind.

Der Diskurs in den sozialen Netzwerken wird gezielt manipuliert, die Erlebnisse der von den Angriffen Betroffenen angezweifelt und Falsch­in­for­ma­tio­nen gestreut – alles unter der Recht­fertigung, dass es eine Gegen­maßnahme gegen die Manipulationen der Gegen­seite sei. Das Ausmaß des „Gamer Gate“ ist in­zwischen absurder als die meisten Videospiel-Storys: anonyme Blogs kon­stru­ieren Ver­bindungen zwischen Personen und Ereignissen, auf Reddit wird von Operationen unter falscher Flagge fantasiert und auf Twitter sogar die Existenz von Personen angezweifelt.

Von Ethik, Journalismus und Neutralität

Immer wird sich auf „Ethik“ und „Journalismus“ berufen. Ähnlich wie bei den Begriffen „Zensur“, „freie Rede“ oder „Satire“ werden diese absichtlich miss­ver­standen. Sie bieten sich an, rhetorisch verdreht und inhaltlich zweck­ent­fremdet zu werden, denn es herrscht ein allgemeiner Konsens über ihre Bewertung: Jour­na­lismus ist gut, Zensur ist böse, Ethik sollten alle haben. Da sind wir uns einig, oder?

Dass Zensur nichts mit der Forderung zu tun hat, nicht in jedem Spiel Frauen zu sexualisieren und Satire nichts mit rassistischen Darstellungen von nicht-weißen Menschen – das fällt unter den Tisch. Es geht nicht um die Begriffe, sie sind nur Schlagworte. Die „Gamer“ fordern vom Spiele-Journalismus Neutralität, meinen damit aber nur, dass sie nicht kritisiert werden wollen.

Es gibt keine Neutralität in dem schwarz-weißen Feindbild, das sie selbst auf­bauen. Aus der Perspektive derjenigen, die immer im Mittel­punkt standen, ist leicht zu übersehen, dass die eigene Position genau wie alle anderen eine Agenda bedeutet. Auch und gerade, wenn Agenden und Betroffenheit so negativ besetzt sind und verachtet werden. Außerhalb einer privilegierten Perspektive zerfallen die vermeintlichen Argumente schnell. Etwa die Behauptung, es ginge um Journalismus und um Fakten. Tatsächlich geht es den „Gamern“ um Personen.

Gezielte Angriffe

Die Angriffe richten sich gezielt gegen Personen. Gegen Anita Sarkeesian, gegen Zoe Quinn. Es geht nie darum, den kritisierten Sexismus in Spielen zu widerlegen. Nie geht es, wie vorgegeben wird, um Journalismus, denn sonst würden sie sich gegen die Vernetzung von großen Publishern und reichweitestarken Magazinen wenden. Auch wird nirgendwo widerlegt, dass Grand Theft Auto V misogyn und transphob ist. Stattdessen wird sich hinter „Satire“ und „Meinungsfreiheit“ verborgen und ihre Bedeutung auf zynische Art verdreht.

Selbst Texte und Videos, die oberflächlich betrachtet Debattenbeiträge sind, haben oft nur ein Kernanliegen: Personen schlecht zu machen. Da werden Beispiele zurecht­geschnitten und zusammen­getragen um Sarkeesian vorzuwerfen, sie würde nur Beispiele zusammentragen – was kein Beweis für ein systematisches Sexismus­problem wäre. Selbst wo hunderte Tweets und Mails mit Hass und Drohungen zusammen­getragen werden, wird Gewalt nicht als solche erkannt. Wie schon „Satire“ und „Meinungsfreiheit“ werden „Inhalte“ und „Argumente“ zu Neusprech-Floskeln ohne Aussicht auf Erkenntnis.

Wo die „Social Justice Warriors“ auf der einen Seite große Firmen wie Ubisoft und Nintendo unter Druck setzen, weil sie Frauen und Homosexuelle unter faden­scheinigen Begründungen aus den Wirklichkeiten ihrer Spielen ausgrenzen, werden auf der anderen Seite persönliche Adressen und Telefon­nummern herum­gereicht. Es sind Angriffe gegen Menschen, die dieselben Spiele lieben wie ihre Angreifer. Es sind Angriffe gegen Menschen, die selbst Spiele entwickeln, das Medium weiterbringen wollen. Es ist ein Angriff gegen das, was sie selbst zu verteidigen vorgeben.

Auffällig ist, wer die Ziele dieser Angriffe sind. Es sind zumeist Frauen*, freie Journalist_innen, Personen aus der Indie-Szene, diejenigen, die sich für Diversität einsetzen. „GamerGate” ist letztendlich Teil eines größeren, strukturellen Problems. Es geht um mehr, als nur Spiele.

Videospiel-Gewalt

Was in sozialen Netzwerken, Kommentarspalten und Imageboards immer wieder begonnen wird, geht in seiner Aggressivität weit über den Shitstorm einer kleinen, wütenden Gruppe hinaus. Es sind gezielte, andauernde Angriffe auf Existenzen. Es sind konkrete Drohungen, die dazu führen, dass Menschen ihre Telefonnummern ändern oder ihr Haus verlassen müssen. Es werden private Daten veröffentlicht. Es werden Lügen verbreitet. Es wird gezielt versucht Angst und Verunsicherung bei allen zu erzeugen, die ein anderes Bild von Videospielen haben. Bei Ent­wick­ler_innen, Journalist_innen, Unterstützer_innen und allen in ihrem Umfeld. Das ist eine massive Ausübung von Gewalt.

Ob #GamerGate oder #NotYourShield – die Hashtags, unter denen sich die vermeintliche Bewegung von „Gamern” gegen die vermeintliche Korruption der Videospiele wendet, sind immer von ihr selbst konstruiert.

Je öfter sich diese Geschichte wiederholt, desto mehr Menschen werden sich positionieren. Langsam scheint die Industrie ihre Angst vor dem Boykott dieser Zielgruppe zu verlieren. Es gibt keine neutrale Position mehr, falls es diese überhaupt jemals gab. Dafür haben Gaming-Verschwörungstheoretiker mit ihren konstruierten Feindbildern selbst gesorgt. Das Ausmaß, das ihre Gewalt erreicht hat ist unmöglich zu ignorieren – selbst für Menschen, die sich selbst nicht als „Social Justice Warrior“ sehen.

„Jede Frau in der Industrie ist nur einen ausrastenden Ex-Partner davon entfernt Zoe Quinn zu sein, und wenn euch das keine Angst macht, dann gibt es keine Hoffnung für uns“ schreibt Elizabeth Sampat in ihrem Text „The Truth About Zoe Quinn“. Die Angriffe auf Zoe Quinn, Anita Serkeesian, auf Dina Abou Karam, auf alle Frauen* und anders Denkenden finden nicht in einem halb­jährlichen Rhythmus statt, nicht nur dann, wenn alle berichten. Sie finden täglich statt.

Vermutlich werden in sechs Monaten wieder Artikel wie dieser geschrieben wer­den. Geschrieben werden müssen. Es werden wie Mattie Brice und Jenn Frank Menschen Videospielen den Rücken kehren. Menschen, die eine großen Beitrag geleistet haben. Andere sind noch da und allein diese Aussage zeigt, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.

Es bleibt die Hoffnung, dass es jedes mal mehr Stimmen werden, die sich den Angriffen entgegenstellen. Ob in einem kleinen, unbedeutenden Blog wie diesem hier oder großen Pub­li­ka­tionen. Kleine India-Entwickler oder große Stars der Szene. Es werden mehr Artikel, mehr Kickstarter, mehr Konferenzen, mehr Game Jams, mehr YouTube Channels, mehr Filme und Dokumentationen, mehr Petitionen, mehr offene Briefe, mehr Entwicklerinnen, mehr „Diversity Lounges“, mehr Panels, mehr Policies, mehr Unterstützung, mehr Bewusstsein, mehr Aktivismus, mehr „Social Justice Warriors“ werden.

Und die „Gamer“ werden wieder mit Gewalt antworten, weil es die einzige Antwort ist, die sie haben.

18 Gedanken zu “Die Gewalt der Gamer

  1. Selten so einen Humbug gelesen. Steile Thesen, keine Belege, und die Verunglimpfung einer großen Gruppe von Menschen, die ausser einem gemeinsamen Hobby nichts vereint.

  2. Was ich als Außenstehende nicht verstehe: Warum darf es nicht Spiele verschiedenster Art geben? Also solche, die diese militante Gruppe eingeschnappter gewaltbereiter Nerds präferiert und andere, in denen Frauen als normale Figuren aufscheinen und auch spielbar sind?

    Warum geht das nicht?

    1. Warum es keine Spiele geben darf, in denen Frauen* nicht mehr als Objekte sind? Vielleicht möchte ich das nicht, weil ich keinem Typen über den Weg laufen möchte, der in mir nichts als ein Objekt erkennt. Zu meiner eigenen Sicherheit möchte ich nicht, dass es Spiele gibt, die Typen glauben lassen, dass ich ein Objekt bin, mit denen sie Dinge anstellen können, so wie sie es im Spiel gelernt haben. Leider bin ich schon zu oft Typen über den Weg gelaufen, für die Frauen* keine echten, fühlenden, eigenständig denkenden und eigenständig handelnden Menschen sein können. Oder zumindest verlangen diese Typen dann von Frauen*, so zu sein und sich so zu verhalten, wie die Objekte in ihren Spielen.

      (Frauen mit *, weil nicht alle Menschen, die als Frauen gesehen werden, auch wirklich Frauen sind.)

    2. Hier geht der Schwachsinn ja schon los. Es gibt genügend “politisch korrekte” Spiele. Die Sims ist hierbei ein sehr populäres Beispiel, kennt jeder. Wer behauptet, dass es keine Spiele gibt, in denen kein Sexismus vorkommt oder überhaupt, dass die Mehrheit der existierenden Spiele maßgeblich Sexismus beinhaltet, dem spreche ich offiziell mit wehenden Fahnen und komplett die Kompetenz ab, sich überhaupt an der Diskussion beteiligen zu dürfen. Und das ist IMHO das Hauptproblem. Die meistens, die sich am Gamergate echauffieren haben keinen Plan von der Materie, dazu gehören Leute wie Sarkeesian übrigens auch.

      Abschließend möchte ich hier nochmal einen Satz bringen, der die Sache auf den Punkt bringt: Keine politische Gruppe hat das Recht, dass Kultur und Kunst nach ihrem Weltbild geschaffen werden. Damit ist die Sache erledigt.

      1. Es gibt genügend “politisch korrekte” Spiele. Die Sims ist hierbei ein sehr populäres Beispiel, kennt jeder.

        Wer behauptet, dass es keine Spiele gibt, in denen kein Sexismus vorkommt oder überhaupt, dass die Mehrheit der existierenden Spiele maßgeblich Sexismus beinhaltet,

        Wer behauptet das?

        Und das ist IMHO das Hauptproblem. Die meistens, die sich am Gamergate echauffieren haben keinen Plan von der Materie, dazu gehören Leute wie Sarkeesian übrigens auch.

        Wenn du die bisherigen Videos von Anita Sarkeesian gesehen hast und behauptest sie hat “keine Ahnung” von Videospielen spreche ich dir komplett die Kompetenz ab um dich an der Diskussion zu beteiligen. Sie hat vermutlich mehr Spiele gespielt als viele der unter #GamerGate twitternden.

        Viele, die sich über das vermeintliche “Echauffieren” über #GamerGate echauffieren haben übrigens keinen Plan von der Materie, wie z.B. Feminismus.

        Überhaupt spreche ich Leuten die Kompetenz ab sich an der Diskussion zu beteiligen, die anderen die Kompetenz absprechen sich an der Diskussion zu beteiligen.

        Was du meinst ist übrigens gar nicht “inhaltliche Kompetenz”, sondern einfach nur, dass dir die Position von Anita Sarkeesian nicht gefällt. Lerne das zu unterscheiden, wenn du ernsthaft diskutieren willst.

        Abschließend möchte ich hier nochmal einen Satz bringen, der die Sache auf den Punkt bringt: Keine politische Gruppe hat das Recht, dass Kultur und Kunst nach ihrem Weltbild geschaffen werden. Damit ist die Sache erledigt.

        Da stimme ich dir vollkommen zu und deshalb freut es mich auch, dass das #GamerGate letztendlich gescheitert ist: eine wütende Gruppe wie die “Gamer” dürfen in ihrem anachronistischen Weltbild nicht mit Gewalt verhindern, dass sich Kultur und Kunst des Mediums Videospiele weiterentwickeln.

  3. @CBerlin: Weil das Medium Spiel noch nicht weit genug entwickelt ist und sich immer noch mehrheitlich an männliche Jugendliche richtet, und bei denen hat das Muster von Gewalt und Sexismus leider bisher immer ganz gut funktioniert. Generell denk ich aber, dass da derzeit eine Entwicklung stattfindet und immer mehr Spiele hinzukommen, die verschiedenste Geschichten erzählen und verschiedene Emotionen auslösen (siehe z.B. Journey, Limbo u.Ä.). Dadurch wird sich auch die Zielgruppe des Mediums vergrößern, und diese kleine, aber laute und biestige Gruppe der hier beschriebenen “Gamer” wird sich darin langsam, aber sicher auflösen. (Man darf zumindest hoffen…)

    1. [Anmerkung: Links zu Video über #NotYourShield vom Administrator entfernt]

      Ja, aber hallo! Man siehe sich nur all diese widerlichen Sexisten im Video an! Einfach schrecklich was die da von sich geben! Menschen die in Ruhe gelassen werden möchten von irgendwelchem Politikgedöns in Gaming News sei es nun aus dem Rechten oder Linken Lager, das geht ja auf keine Kuhhaut!

      Wir sollten sie alle als Frauenhasser beschimpfen!

      1. 1. Dass der Hashtag #NotYourShield mithilfe von unzähligen Fake-Accounts weißer Männer konstruiert wurde, ist durch die geleakten IRC-Logs bekannt: https://storify.com/strictmachine/gameovergate

        2. Wenn du glaubst, Spiele könnten unpolitisch sein, empfehle ich dir über dieses Video nachzudenken: https://www.youtube.com/watch?v=7_tdztHiyiE

        3. Ja, solche Leute nenne ich Frauenhasser: http://femfreq.tumblr.com/post/96569154020/yes-please-explain-to-me-again-how-this-has

        An alle anderen, die es immer noch versuchen: Kommentare mit Links zu Inhalten von 4chan und Co. werden wir auch weiterhin nicht freischalten.

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