An der Oberfläche kratzen

2497 Spiele. Wer die Webseite des Ludum Dare besucht, findet diese überwältigende Zahl, die sich auf eine über 105 Seiten langen Liste erstrecken. Noch bemerkenswerter als die schiere Menge ist, dass all diese Spiele an einem einzigen Wochenende entstanden sind.

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Der Ludum Dare ist einer der größten und bekanntesten Game Jams und fand nun zum 29. mal statt. 48 Stunden Zeit hatten die Entwickler_innen, um zu einem erst kurz vorher bekannt gegebenem Thema ein Spiel fertigzustellen. “Beneath the surface” war es diesmal; “Unter der Oberfläche”.

Nun findet eine Abstimmung statt, um die besten Spiele zu küren. Sich in dieser Masse an Einreichungen aber überhaupt zurecht zu finden ist nicht leicht. Es gibt Highlight-Listen, etwa bei Indie Statik, Superlevel oder dem Ludum Dare Blog selbst. Und selbst diese Listen sind noch lang und vieles wird dennoch unbeachtet bleiben. Ich sprang einfach hinein, klickte auf irgendwelchen Seiten auf irgendwelche Spiele… und spielte.

Das Thema löste zunächst nicht viel Begeisterung aus, zumindest nach den ersten Reaktionen die ich auf Twitter las. Viele nahmen den offensichtlichsten Ansatz für den Stil und verfrachteten ihre Spiele unter Oberflächen. Es wird viel gebuddelt und getaucht. Unter der Erde und unter dem Meeresspiegel werden Minen in Mine Explorer oder Höhlen unter Wasser in Fly Like a Bird in the Sea erkundet. Die Planet Corp zerstört bei ihren gierigen Bohrungen nach wertvollen Rohstoffen gleich ganze Planeten. Oder die Protagonisten Fallen einfach nur endlos, wie in Down oder A Day In The Life Of Jeremy.

Etwas weniger offensichtlich, aber dennoch überraschend oft, tauchen Settings um weniger wortwörtlich Verborgenes auf. Es gibt einige Spiele im Noir-Stil, Welten aus Lügen und Verbrechen. In Agent Thursday gilt es die Identität eines Gangsters herauszubekommen. Sneak-Easy spielt in einer illegalen Kneipe zur Zeit der Prohibition. Während vorne ein scheinbar normales Restaurant betrieben wird, warten im Hinterraum die durstigen Gäste auf Cocktails. Jungle Noir erzählt die Suche des Panther-Detektivs nach den verschwundenen Bananen des Affen. Und in der überfüllten U-Bahn von Hey, you!!! geht ein Taschendieb um – und nur genaues Beobachten wird zeigen, wer es war.

“Unter der Oberfläche” wurde also oft auch als “Die Dinge sind nicht so wie sie scheinen” interpretiert. Oft passte das auch auf die Genres und Spielmechaniken, die mit Erwartungshaltungen brechen. Robo sieht erst aus wie eine Visual Novel, dann wie ein Rollenspiel… aber gekämpft wird nur durch das schnelle und fehlerfreie Abtippen der Dialogzeilen. In Castle Engineer finden wir heraus, wieso die Fallen bei Super Mario und Co. immer so gutes Timing haben: Hinter den Kulissen des Levels hantiert nämlich ein Hausmeister an den Hebeln und versucht den Held_innen das Leben schwer zu machen. Heart of the Cards ist ein Memory-Spiel, das aus der Reihenfolge der aufgedeckten Karten am Ende eine Geschichte generiert. Und Our God Lives Underground erzeugt eine beklemmende Horror-Atmosphäre, ohne den klassischen Tropes zu folgen.

Und natürlich gibt es auch viele Ideen, die weit von allem anderen weg sind. Absurd, merkwürdig, eigenartig, unverständlich, lustig. Under Google erkundet das Geheimnis im Keller des größten Internet-Konzerns. In BactoCo steuern wir ein Bakterium, das den Mitarbeiter_innen eines Bürogebäudes Durchfall verursacht und sich Etage für Etage bis zum Chef weiter verbreiten muss. Und was Bionic Hotdog eigentlich ist, weiß ich immer noch nicht: Ein lächelnder Cyborg-Hotdog angelt sich mit einem Enterhaken an Magensäure vorbei durch ein in psychedelischer, glitchiger Grafik dargestelltes Verdauungssystem.

Bei manchen Spiele sind Grafik und Gameplay so ausgearbeitet und poliert, dass es kaum zu glauben ist, dass “nur” 48 Stunden Arbeit darin stecken. Das Schleichspiel Beneath The City etwa sieht nicht nur unglaublich schön aus, die Mischung aus Echtzeit und Rundenstrategie die ein bisschen an Superhot erinnert, spielt sich auch schnell und spannend.

Viele andere Spiele sind grobe Skizzen, Entwürfe. Merkwürdige Einfälle, die irgendwie umgesetzt wurden. Spiele die manchmal kaum richtig funktionieren, aber immer erahnen lassen, was die Idee dahinter war. Auch und gerade in diesem unfertigen, dem oft kaputten und umperfekten liegt etwas besonderes. Mit den meisten Spielen verbrachte ich nicht mehr als ein paar Minuten, nach einem Klick war ich schon ganz wo anders. Ich könnte mich noch endlos weiter durch die Liste klicken und nach jedem Klick wieder ganz wo anders sein.

Und dann könnte hier auch noch endlos weiter Spiele aufzählen. Bei der schieren Menge ist es kaum möglich mehr zu tun, als an der Oberfläche zu kratzen. Jedes einzelne der Spiele ging auf seine eigene Art an das Motto des Ludum Dare heran, heben andere Aspekte, Interpretationen und Perspektiven hervor. Alle 2497 Spiele zusammen gestalten sich dann irgendwie zu einem Gesamtbild. Die beste Möglichkeit sich von diesem Gesamtbild selbst einen Eindruck zu verschaffen ist es wohl, einfach mitten hinein zu tauchen. Viel Spaß beim Entdecken.

Ein Gedanke zu “An der Oberfläche kratzen

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